Samstagsbrief für den 4. März 2017

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Leben ist meist nichts Besonderes; es ist das Allergewöhnlichste, Alleralltäglichste; es beginnt am Morgen, läuft dann seinen gewohnten Gang und am Abend, unter dem Strich, zusammengezählt, kaum etwas Erwähnenswertes.
Wer könnte aus solchem Material Kunst machen?
Robert Walser kann es.
Welcher Gott könnte daraus Gnade machen?
Der Vater im Himmel kann es.

Das tägliche Leben, Seite 124
„Um zwölf Uhr gingen sie zum Mittagessen,
verrichteten zufrieden ihre Pflicht…“
Um auch am andern Tag denselben geordneten Verlauf der Dinge zu erleben. So beginnt eine kleines Stück aus vier Sätzen; alles geordnet, alles fahrplanmässig und alles ist so, wie es ist. Fraglos. Kann da etwas entstehen?
Es kann.

Familienleben, Seite 129
Auch dieses Stück verspricht für seine vier Sätze nichts. Es beginnt mit einer Aufzählung der Nachtessen, offenbar arbeiten alles ganztags und treffen sich am Abend und machen anschliessend die nötigste Hausarbeit.
„So und so oft hat man zu Nacht gegessen,
gekocht, gebügelt und genäht…“
Ja, und dann?
„Indes die Kinder älter wurden, fingen
die, die sie zeugten, still zu welken an.“
Ist Älterwerden und Welken der Sinn?
Und – kann da Kunst entstehen?

Die Kirche, Seite 116
„Wie war es in der kleinen Kirche freundlich, wo der Gedanke der Gemeinsamkeit Seelen lebendig werden liess.“
So beginnt Walser. Er sieht dann ein Mädchen, dann eine Frau, dann den sprachgewandten Mund des Pfarrers; und dann und wann tritt ein Verspäteter ins Innere des Gotteshauses.
Dieses kleine, fast nichts sagende Gedicht, ist in seiner Gewöhnlichkeit getragen von einer Stimmung, die Walser andernorts einmal „seelenfestigend“ genannt hat.
Seelenfestigend ist auch der fünfte Satz, das Ende des Werkes.

P. Werner Hegglin

Hellhörig werden für das Seelenfestigende

„Man braucht nicht sonderlich viel Welt- und Menschenkenntnis zu haben, um sich klar darüber zu werden, dass unsere Zeit mit all ihrem Fortschritt, mit allen ihren Entdeckungen den Menschen die innere Leere nicht nehmen kann.“ Pater Josef Kentenich

Wenn es nicht der technische Fortschritt ist, der unserem Leben Sinn und Erfüllung gibt, was dann? Vielleicht ein Gespräch über Gott und die Welt.
Auch weiterhin sind Sie jeden Samstagnachmittag – und ebenfalls am ersten und zweiten Freitagabend im Monat – auf den Berg Sion zum Gespräch eingeladen. Es geht um unser Menschsein, das vielfältig und widersprüchlich ist, und gerade deshalb immer wieder neu befragt und gestaltet werden will. Da wir rasch an unsere Grenzen kommen, wenn wir alle Antworten ganz alleine zu finden versuchen, tun wir es gemeinsam; mit Blick auf Maria und Jesus. Jeden Samstag steht ein anderes, monatlich wiederkehrendes Thema im Zentrum.

1 Gott spricht durch die Stimmen der Zeit
Literatur (immer am ersten Freitag und Samstag im Monat)

»Gedichte sind für mich weitaus die angenehmste und günstigsten Falles bedeutungsreichste Lektüre. Man verliert dabei verhältnismässig wenig Zeit, da sich der Lyriker konzentriert gibt. Er huldigt der feinen Aufgabe, mit möglichst wenig Worten möglichst viel darzubieten.«
Robert Walser

Der Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) ist längst kein Unbekannter mehr, zumindest was seine Lebensweise anbelangt: ein leidenschaftlicher Spaziergänger mit Hut und Regenschirm, Mansardenbewohner, eifriger Schreiber für Zeitungen, zuletzt Patient in der Heil- und
Pflegeanstalt Herisau. Seine Gedichte hingegen sind kaum bekannt. Sie erzählen von dem, was einem Spazier- und Einzelgänger widerfährt, ans Herz rührt: der Schnee, die Bäume, ein hübsches Mädchen, die Sterne, die Einsamkeit – oder auch der von einem Korsett aus Konventionen geschützte und zugleich bedrohte Alltag. Die Themen wechseln, eines aber bleibt an Walsers Gedichten unverändert: die leichtfüssige Sprache, die den Leser streichelt, kratzt, hellhörig machen kann für das Staunenswerte seines Lebens.

Benötigtes Buch (bitte selber besorgen): „Die Gedichte“, Robert Walser, Suhrkamp Taschenbuch 1113. Zudem werden auch Gedichte zur Sprache kommen aus den posthum veröffentlichten Mikrogrammen „Aus dem Bleistiftgebiet“, Band 1 bis 6 (von diesen Gedichten werden Kopien abgegeben).

2 Gott spricht durch meine persönliche Situation
Philosophie (immer am zweiten Freitag und Samstag im Monat)

„Er dachte niemals ein Wort, aber andere waren genug da, die für ihn was sagten, bis er wortlos umfiel.“ Wolf Dieter Brinkmann

Denkfaulheit und Gleichgültigkeit können tödlich sein. Sie verschliessen uns.
Wer philosophiert, öffnet sich zur Welt und damit zu sich selbst. Mein Leben ist nichts anderes als eine unabreissbare Kette von Situationen, die mich fragen, was das bedeutet, was mir jetzt widerfährt, was vorher war und was noch auf mich wartet.
Wir müssen Antwort geben, Entscheidungen fällen. Wenn wir sie nicht selber fällen, werden sie für uns gefällt. Stehenbleiben hilft nicht. Wer lebt muss gehen, weitergehen, wachsen.

3 Gott spricht durch unser Menschsein und durch Seine Menschwerdung
Kurzexerzitien (immer am dritten Samstag im Monat)

„Niemand hat Gott je gesehen.“
„Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran: alles war sehr gut.“ Bibel

Himmel und Erde sind ein Geschenk. Ein unendlich grosses Geschenk. Noch haben wir es nicht ganz zerstört, nicht vollständig verschmutzt. Also hinaus: Erdkruste, Luft, Wasser, Licht und Wärme sind unsere Elemente; darin bewegen wir uns, darin sind wir. Alle Pflanzen leben davon, wir ebenso, und auch die Tiere. Mit den Tieren hat Gott uns Menschen am sechsten Tag erschaffen.
Von wem hat Jesus sein Menschsein empfangen? Und wie hat Gott die Welt erlöst?
Dieser Samstag soll eine Art Kurzexerzitien sein: Zuerst eine halbe Stunde Gespräch; dann zwei Stunden stille Wanderung, dann Gebet im Heiligtum; zum Schluss gemeinsame Rückschau.

4 Gott spricht durch den Gründer der Schönstatt-Bewegung
Pater Josef Kentenich (immer am vierten Samstag im Monat)

„Was an mir ist Eigenart, und was ist Unart?“ Pater Josef Kentenich

Wer sich mit Pater Kentenich auf den Weg zu Gott macht, lernt: Es gibt keine Abkürzungen. Alles, was ich bin und nicht bin, meine Schwächen und Stärken, meine Leiden und Freuden, Zweifel und Wünsche muss ich ernst nehmen. Denn Gott will keine ängstlichen, angepassten Sklaven, sondern freie, kraftvolle Persönlichkeiten. Pater Kentenich lebt es vor, was es heisst, sich selbst zu erziehen und sich von Jesus und seiner Mutter Maria erziehen zu lassen.

Informationen zu den Samstagsgesprächen:
– Ort: Berg Sion, Mättihalde, 6048 Horw, Telefon 041 349 50 30, www.bergsion.ch (auf der Homepage finden Sie auch die Samstagsbriefe von P. Werner Hegglin).
– Zeit: Die Gespräche finden jeden Samstag statt, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Im Anschluss besteht um 17.15 Uhr die Möglichkeit, in der Hauskapelle an der Vorabendmesse teilzunehmen.
– Weiterhin auch am Freitagabend: Da oft gesagt wurde, ein Abend wäre besser, kommen jeweils der erste und zweite Freitag im Monat von 19 bis 21 Uhr hinzu. Programm wie an den beiden betreffenden Samstagen.
– Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, auch keine fachlichen Voraussetzungen. Die Teilnahme ist unentgeltlich (Kollekte).
– Sommerpause: vom 1. Juli bis 26. August 2017.