Samstagsbrief für den 11. März 2017

Liebe Leserin, lieber Leser,

traditionell sagen wir: Gott ist allwissend.
Wie kommen wir dazu? Ein paar Schritte haben wir am 4. Februar gemacht:
– Ich bin erlebnisfähig, – ich bin ein Ich-Subjekt, – nur ein Ich kann Erlebnisse echt aussagen, – ich bin beschränkt, – ein endliches Ich-Subjekt.
Gott ist unendlich, – grenzenlos, – alles erfassend, – ein unendliches Ich – Subjekt, – also allwissend.

Erlebnisfähig
Wer zu Hause arbeitet, sieht immer wieder durch dieselben Fenster, sieht immer wieder dieselbe Welt. Falls der Schauende erlebnisfähig ist, passiert jedesmal etwas, auch wenn alles immer gleich bleibt.
In meinem Fall ist die Welt zweiteilig, unten grün, oben blau, dazwischen von links nach rechts fein ansteigend der Horizont, von dem ich nicht weiss, stösst er an den Himmel oder senkt sich der Himmel auf den Horizont. Wo der Horizont zuoberst anlangt und sich anschliessend sanft abwärts neigt, steht der grosse Nussbaum, auf dem sich im Winter vor der Dämmerung die Krähenschwärme versammeln. Ein mächtiger Nussbaum, durch alle Jahreszeiten hindurch, ist ein unendliches Schauspiel; jederzeit, besonders, wenn die Vögel wegziehen und zurückkommen. Weiter unten im Hang steht der Kirschbaum und noch weiter unten, quer, die Reihe der buschigen Legföhren. Dort fliegen die Vögel ein und aus. Zuunterst gehen manchmal Menschen vorbei, lautlos, wie schwebend.
Mein Grün und mein Blau verändert sich mit jedem Blick; dem Horizont entlang streifend mit den Augen: ein unendliches Schauspiel.

Dank
Ich traue meinen Augen nicht: das Zweimonatsheft „Philosophie“ stellt neustens Hermann Schmitz vor, den Professor in Kiel, mit seinem riesigen Werk, entstanden in intensivster Lebensarbeit, von Fachkollegen ein Leben lang totgeschwiegen – mit ein paar berühmten Ausnahmen, die uns die Augen öffneten, zum Beispiel Gernot Böhme. Von Schmitz haben wir gelernt, worauf es ankommt, nicht auf ausgeklügelte Gedanken, sondern auf Erfahrung, auf affektive Betroffenheit, damit wir Lebendiges haben zum Nachdenken.
Er hat uns gelehrt, was Subjektivität ist; dass es subjektive Tatsachen gibt, grundlegende, und dass die objektiven erst nachher kommen.
Heute, in einer volltechnisierten Zivilisation, wo nur objektive Tatsachen gelten, ist Schmitz ein Fremdling.
„Mein Bestreben geht dahin, den Menschen ihr wirkliches Leben begreiflich zu machen.“
Dafür hat Hermann Schmitz gelebt. Wir danken ihm. Er hat uns die Augen geöffnet.

P. Werner Hegglin

Hellhörig werden für das Seelenfestigende

„Man braucht nicht sonderlich viel Welt- und Menschenkenntnis zu haben, um sich klar darüber zu werden, dass unsere Zeit mit all ihrem Fortschritt, mit allen ihren Entdeckungen den Menschen die innere Leere nicht nehmen kann.“ Pater Josef Kentenich

Wenn es nicht der technische Fortschritt ist, der unserem Leben Sinn und Erfüllung gibt, was dann? Vielleicht ein Gespräch über Gott und die Welt.
Auch weiterhin sind Sie jeden Samstagnachmittag – und ebenfalls am ersten und zweiten Freitagabend im Monat – auf den Berg Sion zum Gespräch eingeladen. Es geht um unser Menschsein, das vielfältig und widersprüchlich ist, und gerade deshalb immer wieder neu befragt und gestaltet werden will. Da wir rasch an unsere Grenzen kommen, wenn wir alle Antworten ganz alleine zu finden versuchen, tun wir es gemeinsam; mit Blick auf Maria und Jesus. Jeden Samstag steht ein anderes, monatlich wiederkehrendes Thema im Zentrum.

1 Gott spricht durch die Stimmen der Zeit
Literatur (immer am ersten Freitag und Samstag im Monat)

»Gedichte sind für mich weitaus die angenehmste und günstigsten Falles bedeutungsreichste Lektüre. Man verliert dabei verhältnismässig wenig Zeit, da sich der Lyriker konzentriert gibt. Er huldigt der feinen Aufgabe, mit möglichst wenig Worten möglichst viel darzubieten.«
Robert Walser

Der Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) ist längst kein Unbekannter mehr, zumindest was seine Lebensweise anbelangt: ein leidenschaftlicher Spaziergänger mit Hut und Regenschirm, Mansardenbewohner, eifriger Schreiber für Zeitungen, zuletzt Patient in der Heil- und
Pflegeanstalt Herisau. Seine Gedichte hingegen sind kaum bekannt. Sie erzählen von dem, was einem Spazier- und Einzelgänger widerfährt, ans Herz rührt: der Schnee, die Bäume, ein hübsches Mädchen, die Sterne, die Einsamkeit – oder auch der von einem Korsett aus Konventionen geschützte und zugleich bedrohte Alltag. Die Themen wechseln, eines aber bleibt an Walsers Gedichten unverändert: die leichtfüssige Sprache, die den Leser streichelt, kratzt, hellhörig machen kann für das Staunenswerte seines Lebens.

Benötigtes Buch (bitte selber besorgen): „Die Gedichte“, Robert Walser, Suhrkamp Taschenbuch 1113. Zudem werden auch Gedichte zur Sprache kommen aus den posthum veröffentlichten Mikrogrammen „Aus dem Bleistiftgebiet“, Band 1 bis 6 (von diesen Gedichten werden Kopien abgegeben).

2 Gott spricht durch meine persönliche Situation
Philosophie (immer am zweiten Freitag und Samstag im Monat)

„Er dachte niemals ein Wort, aber andere waren genug da, die für ihn was sagten, bis er wortlos umfiel.“ Wolf Dieter Brinkmann

Denkfaulheit und Gleichgültigkeit können tödlich sein. Sie verschliessen uns.
Wer philosophiert, öffnet sich zur Welt und damit zu sich selbst. Mein Leben ist nichts anderes als eine unabreissbare Kette von Situationen, die mich fragen, was das bedeutet, was mir jetzt widerfährt, was vorher war und was noch auf mich wartet.
Wir müssen Antwort geben, Entscheidungen fällen. Wenn wir sie nicht selber fällen, werden sie für uns gefällt. Stehenbleiben hilft nicht. Wer lebt muss gehen, weitergehen, wachsen.

3 Gott spricht durch unser Menschsein und durch Seine Menschwerdung
Kurzexerzitien (immer am dritten Samstag im Monat)

„Niemand hat Gott je gesehen.“
„Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran: alles war sehr gut.“ Bibel

Himmel und Erde sind ein Geschenk. Ein unendlich grosses Geschenk. Noch haben wir es nicht ganz zerstört, nicht vollständig verschmutzt. Also hinaus: Erdkruste, Luft, Wasser, Licht und Wärme sind unsere Elemente; darin bewegen wir uns, darin sind wir. Alle Pflanzen leben davon, wir ebenso, und auch die Tiere. Mit den Tieren hat Gott uns Menschen am sechsten Tag erschaffen.
Von wem hat Jesus sein Menschsein empfangen? Und wie hat Gott die Welt erlöst?
Dieser Samstag soll eine Art Kurzexerzitien sein: Zuerst eine halbe Stunde Gespräch; dann zwei Stunden stille Wanderung, dann Gebet im Heiligtum; zum Schluss gemeinsame Rückschau.

4 Gott spricht durch den Gründer der Schönstatt-Bewegung
Pater Josef Kentenich (immer am vierten Samstag im Monat)

„Was an mir ist Eigenart, und was ist Unart?“ Pater Josef Kentenich

Wer sich mit Pater Kentenich auf den Weg zu Gott macht, lernt: Es gibt keine Abkürzungen. Alles, was ich bin und nicht bin, meine Schwächen und Stärken, meine Leiden und Freuden, Zweifel und Wünsche muss ich ernst nehmen. Denn Gott will keine ängstlichen, angepassten Sklaven, sondern freie, kraftvolle Persönlichkeiten. Pater Kentenich lebt es vor, was es heisst, sich selbst zu erziehen und sich von Jesus und seiner Mutter Maria erziehen zu lassen.

Informationen zu den Samstagsgesprächen:
– Ort: Berg Sion, Mättihalde, 6048 Horw, Telefon 041 349 50 30, www.bergsion.ch (auf der Homepage finden Sie auch die Samstagsbriefe von P. Werner Hegglin).
– Zeit: Die Gespräche finden jeden Samstag statt, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Im Anschluss besteht um 17.15 Uhr die Möglichkeit, in der Hauskapelle an der Vorabendmesse teilzunehmen.
– Weiterhin auch am Freitagabend: Da oft gesagt wurde, ein Abend wäre besser, kommen jeweils der erste und zweite Freitag im Monat von 19 bis 21 Uhr hinzu. Programm wie an den beiden betreffenden Samstagen.
– Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, auch keine fachlichen Voraussetzungen. Die Teilnahme ist unentgeltlich (Kollekte).
– Sommerpause: vom 1. Juli bis 26. August 2017.