Samstagsbrief für den 24. Juni 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wenn es um die Selbstliebe und um die Heimatliebe geht, unterscheidet P. Josef Kentenich ein naturhafte, eine natürliche und eine übernatürliche Liebe. Er weiss, es braucht alle drei; es braucht sie als Wachstumsstufen und ohne alle drei zusammen gibt es kein gesundes religiöses Leben. Eine Heimat für uns Ostschweizer war bei der Grossmutter Anna in Baar.

 

Naturhaft

Das Haus der Grossmutter war ein Holzhaus mit einem knarrenden Treppenhaus und auf jedem Stock ein Holz-Abort mit zwei Löchern, das kleine Loch extra für uns; ungewohnt, ein Vergnügen. Annas Garten war ein Obstgarten. Die grossen süssen Birnen gab es nur bei ihr; sie hatten auch süsse Namen, „bonne louise“ hiessen die einen. Der kleine Wald der Apfelbäume hatte Gravensteiner, Boskop und Glockenäpfel; im Herbst eine wahre Freude. Der Grossvater rauchte Pfeife, er strich das Zündholz am Hosenboden an; wir freuten uns zum Voraus auf den Duft seines Kräutertabaks nach dem Abendessen.

 

Natürlich

Grossmutter Anna hatte einen gelben Sonnenschirm geschenkt bekommen; darunter sass sie zur Sommerszeit. Dorthin kamen die Leute auf Besuch, scheinbar war Anna mit dem ganzen Dorf befreundet. Wir Kinder sassen dabei, hörten zu, verstanden wenig; nur eines verstanden wir: Gespräche sind wichtig.

War der Besuch gegangen, erzählte die Grossmutter für uns. Sie erzählte vom Dorf, ging von Haus zu Haus, kannte die Namen, sagte, woher sie stammten, was sie taten, wie sie mit uns verwandt und bekannt seien und was für eine Zukunft die Jungen anstrebten.

Am meisten wollte, die Grossmutter wissen von ihrem Sohn, von ihren drei Töchtern, unseren Eltern; und natürlich von uns.

Grossmutter interessierte sich für alles.

 

Übernatürlich

Am Freitagnachmittag sass Grossmutter nicht unter dem Sonnenschirm. War ich mit ihr im Haus, fragte sie: Kommst du mit? – Wohin? – zum Heiligkreuz. – Ja, aber?

Am Freitag, jeden Freitag, gab es kein Aber. Auf dem Weg zur Kapelle erzählte sie mir, wer damals die Kapelle gebaut und warum; und wer sie jetzt besorgte. Und dann erzählte sie die Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus von der Verleugnung des Petrus bis zum Tod. In der Kapelle betete sie still eine lange halbe Stunde, dann zeigte sie mir alle Bilder und die Gegenstände, alles sagte ihr etwas. Am Schluss ging sie mit mir zur Muttergottes und betete das Weihegebet.

P. Werner Hegglin

 

 

Hellhörig werden für das Seelenfestigende

„Man braucht nicht sonderlich viel Welt- und Menschenkenntnis zu haben, um sich klar darüber zu werden, dass unsere Zeit mit all ihrem Fortschritt, mit allen ihren Entdeckungen den Menschen die innere Leere nicht nehmen kann.“ Pater Josef Kentenich

Wenn es nicht der technische Fortschritt ist, der unserem Leben Sinn und Erfüllung gibt, was dann? Vielleicht ein Gespräch über Gott und die Welt.
Auch weiterhin sind Sie jeden Samstagnachmittag auf den Berg Sion zum Gespräch eingeladen. Es geht um unser Menschsein, das vielfältig und widersprüchlich ist, und gerade deshalb immer wieder neu befragt und gestaltet werden will. Da wir rasch an unsere Grenzen kommen, wenn wir alle Antworten ganz alleine zu finden versuchen, tun wir es gemeinsam; mit Blick auf Maria und Jesus. Jeden Samstag steht ein anderes, monatlich wiederkehrendes Thema im Zentrum.

1 Gott spricht durch die Stimmen der Zeit
Literatur (immer am ersten Samstag im Monat)

»Gedichte sind für mich weitaus die angenehmste und günstigsten Falles bedeutungsreichste Lektüre. Man verliert dabei verhältnismässig wenig Zeit, da sich der Lyriker konzentriert gibt. Er huldigt der feinen Aufgabe, mit möglichst wenig Worten möglichst viel darzubieten.«
Robert Walser

Der Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) ist längst kein Unbekannter mehr, zumindest was seine Lebensweise anbelangt: ein leidenschaftlicher Spaziergänger mit Hut und Regenschirm, Mansardenbewohner, eifriger Schreiber für Zeitungen, zuletzt Patient in der Heil- und
Pflegeanstalt Herisau. Seine Gedichte hingegen sind kaum bekannt. Sie erzählen von dem, was einem Spazier- und Einzelgänger widerfährt, ans Herz rührt: der Schnee, die Bäume, ein hübsches Mädchen, die Sterne, die Einsamkeit – oder auch der von einem Korsett aus Konventionen geschützte und zugleich bedrohte Alltag. Die Themen wechseln, eines aber bleibt an Walsers Gedichten unverändert: die leichtfüssige Sprache, die den Leser streichelt, kratzt, hellhörig machen kann für das Staunenswerte seines Lebens.

Benötigtes Buch (bitte selber besorgen): „Die Gedichte“, Robert Walser, Suhrkamp Taschenbuch 1113. Zudem werden auch Gedichte zur Sprache kommen aus den posthum veröffentlichten Mikrogrammen „Aus dem Bleistiftgebiet“, Band 1 bis 6 (von diesen Gedichten werden Kopien abgegeben).

2 Gott spricht durch meine persönliche Situation
Philosophie (immer am zweiten Samstag im Monat)

„Er dachte niemals ein Wort, aber andere waren genug da, die für ihn was sagten, bis er wortlos umfiel.“ Wolf Dieter Brinkmann

Denkfaulheit und Gleichgültigkeit können tödlich sein. Sie verschliessen uns.
Wer philosophiert, öffnet sich zur Welt und damit zu sich selbst. Mein Leben ist nichts anderes als eine unabreissbare Kette von Situationen, die mich fragen, was das bedeutet, was mir jetzt widerfährt, was vorher war und was noch auf mich wartet.
Wir müssen Antwort geben, Entscheidungen fällen. Wenn wir sie nicht selber fällen, werden sie für uns gefällt. Stehenbleiben hilft nicht. Wer lebt muss gehen, weitergehen, wachsen.

3 Gott spricht durch unser Menschsein und durch Seine Menschwerdung
Kurzexerzitien (immer am dritten Samstag im Monat)

„Niemand hat Gott je gesehen.“
„Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran: alles war sehr gut.“ Bibel

Himmel und Erde sind ein Geschenk. Ein unendlich grosses Geschenk. Noch haben wir es nicht ganz zerstört, nicht vollständig verschmutzt. Also hinaus: Erdkruste, Luft, Wasser, Licht und Wärme sind unsere Elemente; darin bewegen wir uns, darin sind wir. Alle Pflanzen leben davon, wir ebenso, und auch die Tiere. Mit den Tieren hat Gott uns Menschen am sechsten Tag erschaffen.
Von wem hat Jesus sein Menschsein empfangen? Und wie hat Gott die Welt erlöst?
Dieser Samstag soll eine Art Kurzexerzitien sein: Zuerst eine halbe Stunde Gespräch; dann zwei Stunden stille Wanderung, dann Gebet im Heiligtum; zum Schluss gemeinsame Rückschau.

4 Gott spricht durch den Gründer der Schönstatt-Bewegung
Pater Josef Kentenich (immer am vierten Samstag im Monat)

„Was an mir ist Eigenart, und was ist Unart?“ Pater Josef Kentenich

Wer sich mit Pater Kentenich auf den Weg zu Gott macht, lernt: Es gibt keine Abkürzungen. Alles, was ich bin und nicht bin, meine Schwächen und Stärken, meine Leiden und Freuden, Zweifel und Wünsche muss ich ernst nehmen. Denn Gott will keine ängstlichen, angepassten Sklaven, sondern freie, kraftvolle Persönlichkeiten. Pater Kentenich lebt es vor, was es heisst, sich selbst zu erziehen und sich von Jesus und seiner Mutter Maria erziehen zu lassen.

Informationen zu den Samstagsgesprächen:
– Ort: Berg Sion, Mättihalde, 6048 Horw, Telefon 041 349 50 30, www.bergsion.ch (auf der Homepage finden Sie auch die Samstagsbriefe von P. Werner Hegglin).
– Zeit: Die Gespräche finden jeden Samstag statt, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Im Anschluss besteht um 17.15 Uhr die Möglichkeit, in der Hauskapelle an der Vorabendmesse teilzunehmen.
– Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, auch keine fachlichen Voraussetzungen. Die Teilnahme ist unentgeltlich (Kollekte).
– Sommerpause: vom 1. Juli bis 26. August 2017.