Samstagsbrief für den 2. September 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

für die Sommerpause wollen wir doch zwei Stücke von Robert Walser aufbewahren, damit wir etwas haben, wenn’s uns ankommt, Gedichte zu lesen.

„Der Wald“ kann auch das Meer sein oder ein Bergdorf wie Bosco Gurin; und „Reisen“ ist wohl Pflichtübung in Ferienzeiten.

 

 

 

Der Wald

 

Ich kam in diesen Wald hinein

und kann nun nicht aus ihm heraus.

Mit meiner Ruhe ist es aus.

Ich kam in diesen Wald hinein.

Ich starre: ist der Wald so schön!

Der Sonnenschein hangt gelb darin.

Erregt sind mir Gefühl und Sinn.

Ist dieser Wald so schön, so schön?

Mir ist die ganze Welt jetzt tot,

da ausser hier kein Ort mehr ist,

der atmet; des Empfindens List

macht jetzt die ganze Welt mir tot.

Doch jeder Stein und jeder Stamm

in diesem Wald sind Liebstes mir.

Ich komme niemals mehr zu dir,

Geliebtes, in der andern Welt.

Ich bin in diesen Wald verliebt,

mein Herz ist tausendfach zerstückt,

es schweift umher, es hangt entzückt

an allem, weil’s in all’s verliebt.

Wie ist mir tot die ganze Welt!

Ich kann nicht sagen, wie mir’s ist

aus Scheu, doch durch Empfindens List

ist außer hier die Welt mir tot.

 

 

 

 

Reisen

 

Wie reizend ist das Reisen,

man setzt sich in die Eisenbahn,

hat angenehme Kleider an,

vorüber fliegen Häuser, Bäume,

als wären es nur duft’ge Träume.

Die Räder knattern leise.

Auf irgendwelche Art und Weise

kommt man in Konversation

und ist beinah befreundet schon,

Reisen hat einen ganz bestimmten Ton,

besteh’nd aus Freundlichkeit und Leichtsinn,

aus ein klein wenig Achtung vor dem Leben,

zu wenig nicht und nicht zu viel.

Natürlich setzt man sich ein Ziel,

man nimmt es jedoch gar nicht wichtig,

Wicht’ges wird nichtig,

denn man empfindet es als Spiel.

 

Heut’ ist man hier und morgen dort,

wer reist, gelangt von Ort zu Ort,

die Städte, Dörfer, Flüsse, Seen,

die Gassen, Mappen, Mädchen, Buben,

die Bahnhofhallen, Lesestuben,

und was man ausserdem gesehn,

wird nachher ins Notizbuch aufgeschrieben,

weil’s in Erinnerung geblieben.

 

 

P. Werner Hegglin

 

<strong>Sommerpause: vom 1. Juli – 31. August 2017