Samstagsbrief für den 2. September 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

über die Sommerpause, Juli – August, bekamen wir, zur Auswahl, ein Waldgedicht von „unserem“ Robert Walser.

Es könnte sein, dass „Der Wald“ uns zuerst erstaunt, dann einiges fraglich macht, anderes freudig zurücklässt, für immer. Wer weiss. Gedichte können das.

Zwischen Walser und heute blieb der Wald geschützt, die Wiesen wurden unbarmherzig zugebaut.

 

Der Buchenwald

Wo ich aufwuchs, hinter unserem Haus, zur Sonne und zum Garten hin, kommt zuerst die Brücke über die SBB, dann der unbewachte Bahnübergang der AB (interessant!), dann ein weites Wiesenstück und dann beginnt der Wald; allerdings nicht mit Buchen, sondern mit eng gepflanzten Tannen; ein Stück wie ein dunkel ausgestreckter langer Arm des Buchenwaldes. Ein Unsinn, sagte mein Vater.

Als Kleinkinder blieben wir bei den Buchen, bei der Waldstrasse; später schwärmten wir aus, rechts in die flachen Teile des Waldes, links in die bergansteigenden. Das Tannenstück war schwarz und undurchdringlich. Die Buchen liessen viel Licht herein. Das gefiel uns. Dort hatten wir unsere Plätze. Irgendeinmal hatten wir das Wort „Filialen“ aufgeschnappt, darum gab es im Buchenwald für uns „Filialen“.

Am Abend war die ebene Waldstrasse eine „Filiale“ des Tambouren Vereins – von einem Ende zum andern, hin und her, – Trommelübungen, bis zum Einnachten. So endeten unsere Sommertage.

 

Das Rainwäldchen

Der Rain ist ein steiler Hügel, neben dem Buchenwald. Dieser Rain dehnt sich eine Stunde weit hinauf, bis zu jener Burgruine, bei der Robert Walser in den Schnee gesunken und gestorben ist.

Bei trockenem Wetter floh unsere Mutter in dieses durchsichtige Waldstück. Unser Vater hatte viel Nachtarbeit; er schlief untertags; dafür waren wir drei zu laut. Später sagten wir: Im Rainwäldchen sind wir aufgewachsen.

Die Mutter musste sich dort sicher gefühlt haben: Vom Bahnübergang her konnte sie den Weg überblicken, der heraufführte; ebenso den Weg, der vom Hügel herabkam; dazu sah sie jeden Baum, hinter dem wir uns versteckten; und konnte den Bach überblicken, den wir immer wieder stauten.

Am frühen Nachmittag kehrten wir heim; der Vater arbeitete bereits im Garten.

 

Der Wald

Schon im 19. Jahrhundert hat die Eidgenossenschaft beschlossen, die Waldfläche im Lande müsse unverändert bleiben. Wer Wald rodet, verpflichtet sich, ebenso viel Wald neu anzupflanzen. So wurde der Schweizer Wald gerettet; so konnten wir im Wald aufwachsen. Die Wiesen wurden zugebaut.

P. Werner Hegglin

 

 

 

Hellhörig werden für das Seelenfestigende

 

 

„Man braucht nicht sonderlich viel Welt- und Menschenkenntnis zu haben, um sich klar darüber zu werden, dass unsere Zeit mit all ihrem Fortschritt, mit allen ihren Entdeckungen den Menschen die innere Leere nicht nehmen kann.“ Pater Josef Kentenich

 

Wenn es nicht der technische Fortschritt ist, der unserem Leben Sinn und Erfüllung gibt, was dann? Vielleicht ein Gespräch über Gott und die Welt.

Auch weiterhin sind Sie jeden Samstagnachmittag auf den Berg Sion zum Gespräch eingeladen. Es geht um unser Menschsein, das vielfältig und widersprüchlich ist, und gerade deshalb immer wieder neu befragt und gestaltet werden will. Da wir rasch an unsere Grenzen kommen, wenn wir alle Antworten ganz alleine zu finden versuchen, tun wir es gemeinsam; mit Blick auf Maria und Jesus. Jeden Samstag steht ein anderes, monatlich wiederkehrendes Thema im Zentrum.

 

1 Gott spricht durch die Stimmen der Zeit

Literatur (immer am ersten Samstag im Monat)

 

»Gedichte sind für mich weitaus die angenehmste und günstigsten Falles bedeutungsreichste Lektüre. Man verliert dabei verhältnismässig wenig Zeit, da sich der Lyriker konzentriert gibt. Er huldigt der feinen Aufgabe, mit möglichst wenig Worten möglichst viel darzubieten.«

Robert Walser

 

Der Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) ist längst kein Unbekannter mehr, zumindest was seine Lebensweise anbelangt: ein leidenschaftlicher Spaziergänger mit Hut und Regenschirm, Mansardenbewohner, eifriger Schreiber für Zeitungen, zuletzt Patient in der Heil- und

Pflegeanstalt Herisau. Seine Gedichte hingegen sind kaum bekannt. Sie erzählen von dem, was einem Spazier- und Einzelgänger widerfährt, ans Herz rührt: der Schnee, die Bäume, ein hübsches Mädchen, die Sterne, die Einsamkeit – oder auch der von einem Korsett aus Konventionen geschützte und zugleich bedrohte Alltag. Die Themen wechseln, eines aber bleibt an Walsers Gedichten unverändert: die leichtfüssige Sprache, die den Leser streichelt, kratzt, hellhörig machen kann für das Staunenswerte seines Lebens.

 

Benötigtes Buch (bitte selber besorgen): „Die Gedichte“, Robert Walser, Suhrkamp Taschenbuch 1113. Zudem werden auch Gedichte zur Sprache kommen aus den posthum veröffentlichten Mikrogrammen „Aus dem Bleistiftgebiet“, Band 1 bis 6 (von diesen Gedichten werden Kopien abgegeben).

 

2 Gott spricht durch meine persönliche Situation

Philosophie (immer am zweiten Samstag im Monat)

 

„Er dachte niemals ein Wort, aber andere waren genug da, die für ihn was sagten, bis er wortlos umfiel.“ Wolf Dieter Brinkmann

 

Denkfaulheit und Gleichgültigkeit können tödlich sein. Sie verschliessen uns.

Wer philosophiert, öffnet sich zur Welt und damit zu sich selbst. Mein Leben ist nichts anderes als eine unabreissbare Kette von Situationen, die mich fragen, was das bedeutet, was mir jetzt widerfährt, was vorher war und was noch auf mich wartet.

Wir müssen Antwort geben, Entscheidungen fällen. Wenn wir sie nicht selber fällen, werden sie für uns gefällt. Stehenbleiben hilft nicht. Wer lebt muss gehen, weitergehen, wachsen.

 

3 Gott spricht durch unser Menschsein und durch Seine Menschwerdung

Kurzexerzitien (immer am dritten Samstag im Monat)

 

„Niemand hat Gott je gesehen.“

„Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran: alles war sehr gut.“ Bibel

 

Himmel und Erde sind ein Geschenk. Ein unendlich grosses Geschenk. Noch haben wir es nicht ganz zerstört, nicht vollständig verschmutzt. Also hinaus: Erdkruste, Luft, Wasser, Licht und Wärme sind unsere Elemente;

darin bewegen wir uns, darin sind wir. Alle Pflanzen leben davon, wir ebenso, und auch die Tiere. Mit den Tieren hat Gott uns Menschen am sechsten Tag erschaffen.

Von wem hat Jesus sein Menschsein empfangen? Und wie hat Gott die Welt erlöst?

Dieser Samstag soll eine Art Kurzexerzitien sein: Zuerst eine halbe Stunde Gespräch; dann zwei Stunden stille Wanderung, dann Gebet im Heiligtum; zum Schluss gemeinsame Rückschau.

 

 

4 Gott spricht durch den Gründer der Schönstatt-Bewegung

Pater Josef Kentenich (immer am vierten Samstag im Monat)

 

„Was an mir ist Eigenart, und was ist Unart?“ Pater Josef Kentenich

 

Wer sich mit Pater Kentenich auf den Weg zu Gott macht, lernt: Es gibt keine Abkürzungen. Alles, was ich bin und nicht bin, meine Schwächen und Stärken, meine Leiden und Freuden, Zweifel und Wünsche muss ich ernst nehmen. Denn Gott will keine ängstlichen, angepassten Sklaven, sondern freie, kraftvolle Persönlichkeiten. Pater Kentenich lebt es vor, was es heisst, sich selbst zu erziehen und sich von Jesus und seiner Mutter Maria erziehen zu lassen.

 

 

Informationen zu den Samstagsgesprächen:

  • Ort: Berg Sion, Mättihalde, 6048 Horw, Telefon 041 349 50 30, www.bergsion.ch (auf der Homepage finden Sie auch die Samstagsbriefe von P. Werner Hegglin).
  • Zeit: Die Gespräche finden jeden Samstag statt, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Im Anschluss besteht um 17.15 Uhr die Möglichkeit, in der Hauskapelle an der Vorabendmesse teilzunehmen.
  • Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, auch keine fachlichen Voraussetzungen. Die Teilnahme ist unentgeltlich (Kollekte).