Samstagsbrief für den 23. September 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wenn ich „Bahnhof“ sage, meine ich den Sackbahnhof mitten in Luzern. „Bahnhöfli“ heisst für mich die Haltestelle der Zentralbahn am Rande von Horw; noch nicht lange her ein neuer Bahnhof gewesen, jetzt nichts mehr von Bahnhof. Parterre hat sich eine Kebab-Kneipe eingenistet; im ersten Stock sind alle Rollläden zu.

Zum Bahnhof bin ich noch nie zu Fuss gegangen, zum Bahnhöfli oft. Im Gedicht von Werner Lutz heisst es:

 

„Über die Luftlinie nachdenken

und die Schuhe fragen

wie es weitergehen soll“

 

Also: per Luftlinie nach Luzern, Ideal;

per pedes nach Horw, Schuhe, Ethos.

Ähnlich unser neues Begleitbuch; „Ethos und Ideal in der Erziehung.“

 

Ethos, griechisches Wort für Gewohnheit

Die Schuhe sind jederzeit da. Zum Bahnhöfli wandern ist eine schöne Gewohnheit.

Der steile Abhang zum „Winkel“ hinunter strapaziert Schuhe und Füsse. Dann, zwischen stotzigem Buchenwald und sumpfigem Schilf geht es gemütlich geradeaus; dann verkehrsfrei zum Bogenbrücklein, über den schnurgeraden Kanal. Entlang stehen Platanen, alle gleich gross, in gemessenen Abständen, wie Wachsoldaten. Am Ende dann der renaturierte Bach mit neuen Fusswegen, ohne Asphalt; eine Wohltat.

„Von der schönen Gewohnheit zu leben“, ist ein ebenso schöner Titel eines Italienbuches von Martin Mosebach. Manchmal kommt er mir in den Sinn auf dem Weg zum Bahnhöfli; als schöne Gewohnheit des Gehens.

 

Ideal, Wort für Bild und Ziel des Lebens

Es ist die Luftlinie zum Bahnhof Luzern, über die ich nachdenke. Von jedem Standort aus ist sie fadengerade. Zum Fliegen? Autofahrer brauchen Strassen, jeder nimmt dann doch die Luftlinie auf seine Weise, gezwungenermassen. Aber das Ziel Bahnhof, behält er jederzeit im Auge. Letztlich bringt ihn kein Hindernis ab vom Kurs.

Einer sagt: Diesmal gehe ich vorne herum, weniger Ampeln. Oder, hinten herum, etwas weiter, weniger Verkehr. Einer sagt: Heute ist Fussball. Heute ist Luga. Es ist dies und das. Einer sagt: Es ist nach 22 Uhr. Es ist etwas los beim Inseli. Dieses und das. Einer sagt: Ein Zug ist entgleist. Der Bahnhof ist zu. Das Ideal bleibt: Bahnhof. Die Luftlinie, fadengerade; keine Hindernisse. Die Schuhe gehen um alle Ecken, so und anders.

So, wie das Ideal; anders, wie die Schuhe.

 

P. Werner Hegglin

 

PS: Samstag, 30.9. ist ein überzähliger Samstag. Kein Samstagsgespräch.

 

 

Hellhörig werden für das Seelenfestigende

 

 

„Man braucht nicht sonderlich viel Welt- und Menschenkenntnis zu haben, um sich klar darüber zu werden, dass unsere Zeit mit all ihrem Fortschritt, mit allen ihren Entdeckungen den Menschen die innere Leere nicht nehmen kann.“ Pater Josef Kentenich

 

Wenn es nicht der technische Fortschritt ist, der unserem Leben Sinn und Erfüllung gibt, was dann? Vielleicht ein Gespräch über Gott und die Welt.

Auch weiterhin sind Sie jeden Samstagnachmittag auf den Berg Sion zum Gespräch eingeladen. Es geht um unser Menschsein, das vielfältig und widersprüchlich ist, und gerade deshalb immer wieder neu befragt und gestaltet werden will. Da wir rasch an unsere Grenzen kommen, wenn wir alle Antworten ganz alleine zu finden versuchen, tun wir es gemeinsam; mit Blick auf Maria und Jesus. Jeden Samstag steht ein anderes, monatlich wiederkehrendes Thema im Zentrum.

 

 

1 Gott spricht durch die Stimmen der Zeit

Literatur (immer am ersten Samstag im Monat)

 

»Gedichte sind für mich weitaus die angenehmste und günstigsten Falles bedeutungsreichste Lektüre. Man verliert dabei verhältnismässig wenig Zeit, da sich der Lyriker konzentriert gibt. Er huldigt der feinen Aufgabe, mit möglichst wenig Worten möglichst viel darzubieten.«

Robert Walser

 

Der Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) ist längst kein Unbekannter mehr, zumindest was seine Lebensweise anbelangt: ein leidenschaftlicher Spaziergänger mit Hut und Regenschirm, Mansardenbewohner, eifriger Schreiber für Zeitungen, zuletzt Patient in der Heil- und

Pflegeanstalt Herisau. Seine Gedichte hingegen sind kaum bekannt. Sie erzählen von dem, was einem Spazier- und Einzelgänger widerfährt, ans Herz rührt: der Schnee, die Bäume, ein hübsches Mädchen, die Sterne, die Einsamkeit – oder auch der von einem Korsett aus Konventionen geschützte und zugleich bedrohte Alltag. Die Themen wechseln, eines aber bleibt an Walsers Gedichten unverändert: die leichtfüssige Sprache, die den Leser streichelt, kratzt, hellhörig machen kann für das Staunenswerte seines Lebens.

 

Benötigtes Buch (bitte selber besorgen): „Die Gedichte“, Robert Walser, Suhrkamp Taschenbuch 1113. Zudem werden auch Gedichte zur Sprache kommen aus den posthum veröffentlichten Mikrogrammen „Aus dem Bleistiftgebiet“, Band 1 bis 6 (von diesen Gedichten werden Kopien abgegeben).

 

 

2 Gott spricht durch meine persönliche Situation

Philosophie (immer am zweiten Samstag im Monat)

 

„Er dachte niemals ein Wort, aber andere waren genug da, die für ihn was sagten, bis er wortlos umfiel.“ Wolf Dieter Brinkmann

 

Denkfaulheit und Gleichgültigkeit können tödlich sein. Sie verschliessen uns.

Wer philosophiert, öffnet sich zur Welt und damit zu sich selbst. Mein Leben ist nichts anderes als eine unabreissbare Kette von Situationen, die mich fragen, was das bedeutet, was mir jetzt widerfährt, was vorher war und was noch auf mich wartet.

Wir müssen Antwort geben, Entscheidungen fällen. Wenn wir sie nicht selber fällen, werden sie für uns gefällt. Stehenbleiben hilft nicht. Wer lebt muss gehen, weitergehen, wachsen

3 Gott spricht durch unser Menschsein und durch Seine Menschwerdung

Kurzexerzitien (immer am dritten Samstag im Monat)

 

„Niemand hat Gott je gesehen.“

„Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran: alles war sehr gut.“ Bibel

 

Himmel und Erde sind ein Geschenk. Ein unendlich grosses Geschenk. Noch haben wir es nicht ganz zerstört, nicht vollständig verschmutzt. Also hinaus: Erdkruste, Luft, Wasser, Licht und Wärme sind unsere Elemente; darin bewegen wir uns, darin sind wir. Alle Pflanzen leben davon, wir ebenso, und auch die Tiere. Mit den Tieren hat Gott uns Menschen am sechsten Tag erschaffen.

Von wem hat Jesus sein Menschsein empfangen? Und wie hat Gott die Welt erlöst?

Dieser Samstag soll eine Art Kurzexerzitien sein: Zuerst eine halbe Stunde Gespräch; dann zwei Stunden stille Wanderung, dann Gebet im Heiligtum; zum Schluss gemeinsame Rückschau.

 

 

4 Gott spricht durch den Gründer der Schönstatt-Bewegung

Pater Josef Kentenich (immer am vierten Samstag im Monat)

 

„Was an mir ist Eigenart, und was ist Unart?“ Pater Josef Kentenich

 

Wer sich mit Pater Kentenich auf den Weg zu Gott macht, lernt: Es gibt keine Abkürzungen. Alles, was ich bin und nicht bin, meine Schwächen und Stärken, meine Leiden und Freuden, Zweifel und Wünsche muss ich ernst nehmen. Denn Gott will keine ängstlichen, angepassten Sklaven, sondern freie, kraftvolle Persönlichkeiten. Pater Kentenich lebt es vor, was es heisst, sich selbst zu erziehen und sich von Jesus und seiner Mutter Maria erziehen zu lassen.

 

 

Informationen zu den Samstagsgesprächen:

  • Ort: Berg Sion, Mättihalde, 6048 Horw, Telefon 041 349 50 30, www.bergsion.ch (auf der Homepage finden Sie auch die Samstagsbriefe von P. Werner Hegglin).
  • Zeit: Die Gespräche finden jeden Samstag statt, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Im Anschluss besteht um 17.15 Uhr die Möglichkeit, in der Hauskapelle an der Vorabendmesse teilzunehmen.
  • Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, auch keine fachlichen Voraussetzungen. Die Teilnahme ist unentgeltlich (Kollekte).