Samstagsbrief für den 9. September 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

vom Grashügel zu mir herunter, der Reihe nach: zuoberst und zuerst der mächtige Nussbaum; dann weiter unten die Kirschen; dann ein paar dichte Park-Buchen; zuunterst, am Asphalt, zwei stramme Ahornstämme, ihre Kronen verdecken die untern Buchen. Und dann, hinter einer frisch geschnittenen Buchenhecke, guckt ein ganz kleiner Strauch, mit ganz kleinen Ästen und ganz kleinen Blättern hervor; er guckt mit grossen hellvioletten Blüten.

Wie kann ein so kleiner Strauch, oben, in seiner ganzen Kleinheit, so dichte und üppige, weitausladende Blüten tragen? Die Blüten richten sich mit der Sonne und leuchten in ihrer Grösse ganz unverschämt. Rundum ist alles saftgrün, nur hinter der Hecke hervor: diese Explosion hellvioletter Farben! Ich staune.

 

Erlebnisfähig

Der Mensch ist nicht nur ein hochkompliziert organisiertes Stück Materie in einer rein materiellen Welt, wie das naturalistische Credo heute lautet. Der Mensch ist auch ein erlebnisfähiges, selbstreflexives Ich-Subjekt.

Wenn ich beeindruckt bin von den vielen hellvioletten Blüten, dann bin ich jetzt nicht mehr derselbe Mensch wie damals im Winter, da keine Blätter, keine Blüten zu sehen waren am Strauch. Er war so unscheinbar; ich bemerkte ihn gar nicht. Jetzt bin ich beeindruckt, also bin ich verändert. Das macht meine Erlebnisfähigkeit, – sie verändert!

 

Ich-Subjekt

Ich stehe da und sage einfach: Ich staune. Was heisst staunen? Es ist nicht irgendein Staunen, es ist mein Staunen, es ist meine spürbare Veränderung, ich merke sie. Sage ich dann: ich staune, dann ist eines klar – auch wenn ich noch nicht erklären kann, was staunen bedeutet – es ist meine spürbare Veränderung, es ist, – einzig – mein Staunen, das nur ich so aussagen kann; niemand sonst. Darum bin ich ein Ich-Subjekt.

 

Selbstreflexion

Der Mensch ist nicht nur ein analysierbares Stück Materie – das ist er auch –; der Mensch ist ein erlebnisfähiges, selbstreflexives Ich-Subjekt. Was heisst selbst-reflexiv? Im Winter bin ich einmal vor dem geringen Strauch vorbei gegangen. Warum lässt unser polnischer Gärtner den Krüppel stehen? Er ist doch nichts als vier niedrige Stängel Holz? Ich konnte an ihm nichts entdecken; ich konnte mich auch nicht erinnern, ihn je anders gesehen zu haben.

Jetzt, wo er so prächtig blüht in seinem leuchtenden Hellviolett, jetzt erinnere ich mich, dass ich mir damals im Winter vorgenommen hatte, im Sommer dann Acht zu geben auf den Krüppel. Jetzt schäme ich mich, dass ich ihm Krüppel sagte.

Warum hatte ich die Herrlichkeit seiner grossen Blüten nie gesehen? Der kleine Strauch mit den kleinen Blättern hatte zwei Jahre lang keine Gegenwart für mich.

Im nächsten Winter wird er Gegenwart haben. Dann werde ich erlebnisfähig und selbstreflexiv sein und ich werde von meinem Strauch erzählen und allen zurufen: Wartet auf Mitte Juli.

 

P. Werner Hegglin

 

 

Hellhörig werden für das Seelenfestigende

 

„Man braucht nicht sonderlich viel Welt- und Menschenkenntnis zu haben, um sich klar darüber zu werden, dass unsere Zeit mit all ihrem Fortschritt, mit allen ihren Entdeckungen den Menschen die innere Leere nicht nehmen kann.“ Pater Josef Kentenich

Wenn es nicht der technische Fortschritt ist, der unserem Leben Sinn und Erfüllung gibt, was dann? Vielleicht ein Gespräch über Gott und die Welt.

Auch weiterhin sind Sie jeden Samstagnachmittag auf den Berg Sion zum Gespräch eingeladen. Es geht um unser Menschsein, das vielfältig und widersprüchlich ist, und gerade deshalb immer wieder neu befragt und gestaltet werden will. Da wir rasch an unsere Grenzen kommen, wenn wir alle Antworten ganz alleine zu finden versuchen, tun wir es gemeinsam; mit Blick auf Maria und Jesus. Jeden Samstag steht ein anderes, monatlich wiederkehrendes Thema im Zentrum.

 

1 Gott spricht durch die Stimmen der Zeit

Literatur (immer am ersten Samstag im Monat)

 

»Gedichte sind für mich weitaus die angenehmste und günstigsten Falles bedeutungsreichste Lektüre. Man verliert dabei verhältnismässig wenig Zeit, da sich der Lyriker konzentriert gibt. Er huldigt der feinen Aufgabe, mit möglichst wenig Worten möglichst viel darzubieten.«

Robert Walser

 

Der Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) ist längst kein Unbekannter mehr, zumindest was seine Lebensweise anbelangt: ein leidenschaftlicher Spaziergänger mit Hut und Regenschirm, Mansardenbewohner, eifriger Schreiber für Zeitungen, zuletzt Patient in der Heil- und

Pflegeanstalt Herisau. Seine Gedichte hingegen sind kaum bekannt. Sie erzählen von dem, was einem Spazier- und Einzelgänger widerfährt, ans Herz rührt: der Schnee, die Bäume, ein hübsches Mädchen, die Sterne, die Einsamkeit – oder auch der von einem Korsett aus Konventionen geschützte und zugleich bedrohte Alltag. Die Themen wechseln, eines aber bleibt an Walsers Gedichten unverändert: die leichtfüssige Sprache, die den Leser streichelt, kratzt, hellhörig machen kann für das Staunenswerte seines Lebens.

 

Benötigtes Buch (bitte selber besorgen): „Die Gedichte“, Robert Walser, Suhrkamp Taschenbuch 1113. Zudem werden auch Gedichte zur Sprache kommen aus den posthum veröffentlichten Mikrogrammen „Aus dem Bleistiftgebiet“, Band 1 bis 6 (von diesen Gedichten werden Kopien abgegeben).

 

2 Gott spricht durch meine persönliche Situation

Philosophie (immer am zweiten Samstag im Monat)

 

„Er dachte niemals ein Wort, aber andere waren genug da, die für ihn was sagten, bis er wortlos umfiel.“ Wolf Dieter Brinkmann

 

Denkfaulheit und Gleichgültigkeit können tödlich sein. Sie verschliessen uns.

Wer philosophiert, öffnet sich zur Welt und damit zu sich selbst. Mein Leben ist nichts anderes als eine unabreissbare Kette von Situationen, die mich fragen, was das bedeutet, was mir jetzt widerfährt, was vorher war und was noch auf mich wartet.

Wir müssen Antwort geben, Entscheidungen fällen. Wenn wir sie nicht selber fällen, werden sie für uns gefällt. Stehenbleiben hilft nicht. Wer lebt muss gehen, weitergehen, wachsen.

 

3 Gott spricht durch unser Menschsein und durch Seine Menschwerdung

Kurzexerzitien (immer am dritten Samstag im Monat)

 

„Niemand hat Gott je gesehen.“

„Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran: alles war sehr gut.“ Bibel

 

Himmel und Erde sind ein Geschenk. Ein unendlich grosses Geschenk. Noch haben wir es nicht ganz zerstört, nicht vollständig verschmutzt. Also hinaus: Erdkruste, Luft, Wasser, Licht und Wärme sind unsere Elemente;

darin bewegen wir uns, darin sind wir. Alle Pflanzen leben davon, wir ebenso, und auch die Tiere. Mit den Tieren hat Gott uns Menschen am sechsten Tag erschaffen.

Von wem hat Jesus sein Menschsein empfangen? Und wie hat Gott die Welt erlöst?

Dieser Samstag soll eine Art Kurzexerzitien sein: Zuerst eine halbe Stunde Gespräch; dann zwei Stunden stille Wanderung, dann Gebet im Heiligtum; zum Schluss gemeinsame Rückschau.

 

4 Gott spricht durch den Gründer der Schönstatt-Bewegung

Pater Josef Kentenich (immer am vierten Samstag im Monat)

 

„Was an mir ist Eigenart, und was ist Unart?“ Pater Josef Kentenich

 

Wer sich mit Pater Kentenich auf den Weg zu Gott macht, lernt: Es gibt keine Abkürzungen. Alles, was ich bin und nicht bin, meine Schwächen und Stärken, meine Leiden und Freuden, Zweifel und Wünsche muss ich ernst nehmen. Denn Gott will keine ängstlichen, angepassten Sklaven, sondern freie, kraftvolle Persönlichkeiten. Pater Kentenich lebt es vor, was es heisst, sich selbst zu erziehen und sich von Jesus und seiner Mutter Maria erziehen zu lassen.

 

Informationen zu den Samstagsgesprächen:

  • Ort: Berg Sion, Mättihalde, 6048 Horw, Telefon 041 349 50 30, www.bergsion.ch (auf der Homepage finden Sie auch die Samstagsbriefe von P. Werner Hegglin).
  • Zeit: Die Gespräche finden jeden Samstag statt, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Im Anschluss besteht um 17.15 Uhr die Möglichkeit, in der Hauskapelle an der Vorabendmesse teilzunehmen.
  • Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, auch keine fachlichen Voraussetzungen. Die Teilnahme ist unentgeltlich (Kollekte).