Samstagsbrief für den 28. Oktober 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

der Schriftsteller Martin Mosebach hat neustens einen Roman veröffentlicht mit dem Titel „Mogador“, dem alten Namen einer marokkanischen Stadt und mit „Khadija“ dem Namen der erzählten Hauptperson.

Politiker und Pädagogen zeichnen sich aus durch klare Linie, unverwirrbare Taktik und eiserne Konsequenz. So wird gesagt. Was das bedeutet, kann man klar erkennen in den Werken bedeutender Schriftsteller.

 

Klare Linie

Im Kapitel des Buches, in dem die Frau, Khadija, erstmals auftritt, zähle ich vierzig kleine Abschnitte. Beim Lesen fällt mir bald auf, dass Khadija in jedem Textabschnitt vorkommt und mit Namen genannt wird. Das ist klare Linie. Eine Person soll erscheinen, deutlich werden, im Sinne des Lesers bleiben und niemals verloren gehen: deshalb vierzigmal erwähnt.

Und nicht nur stur erwähnt, sondern jedesmal in anderer Situation, anderer Beleuchtung herausgehoben; keine Werbung, bescheidene Präsenz. Khadija redet kein Wort – und ist doch da. Klare Linie.

 

Unverwirrbare Taktik

Der Schriftsteller muss seine Khadija gut kennen. Wie könnte er sie sonst vierzigmal zeigen? In jeder Situation soll ja etwas von ihr aufleuchten. Nicht nur das Gesicht, die ganze Gestalt und im Gesicht: Kinn, Mund, Nase, Stirn und Augen und mit den Augen die Blicke verschiedenster Art: Betrachtende Blicke, beschauende, herrische, hinweisende, zurückweisende und abweisende.

Unverwirrbar muss die Taktik sein; nicht willkürlich herumschwirren und alles Mögliche und vielleicht Interessante auch noch hineinbringen, nein, an der Person bleiben und taktisch eine möglichst grosse Vielfalt suchen und praktizieren; Taktik ist der Feind der Langeweile. Langeweile ist der Tod der klaren Linie.

 

Eiserne Konsequenz

Khadija tritt auf. Im Roman ist es ein Anfang, anschliessend kommen noch einmal dreihundert Druckseiten. Der Anfang hat von Khadija sehr vieles sichtbar gemacht, ein guter Leser behält das Bild vielfältig im Gedächtnis. Vor allem aber der Schriftsteller braucht sein Gedächtnis; er muss während der folgenden dreihundert Seiten im Sinne behalten, was er am Anfang aufgedeckt hat. Es braucht Konsequenz. Das Vorstellungskapitel muss sich in jedem Detail durchhalten bis zum Ende des Buches. Der Autor kann auf keiner Seite Dinge auftischen, die dem Anfang widersprechen; ausser dieser Widerspruch wird zum Thema.

Konsequenz ist ein hoher Anspruch.

Konsequenz hält die Textmasse zusammen und rettet den Roman.

Wenn Linie, Taktik und Konsequenz für die Erziehung grundlegend ist. Bei Schriftstellern kann man einiges davon lernen.

 

P. Werner Hegglin