Samstagsbrief für den 4. November 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Ich komme aus Jemen.

Der Taxifahrer deutet auf sein Bild und seinen Namen. Jehud ist arabisch, sagt er, und: ich kann nicht zurück, sagt er sofort. Es ist Krieg. Nein, kein rechter Krieg, aber Krieg. – Dubai ist gierig auf unsere Häfen; Iran ruiniert den Irak und ist gierig auf die Emirate; Iran will das Persische Grossreich. Die Russen sind gierig auf Syrien, die Amerikaner auch und überall reiche Chinesen. Geld, Habsucht, das Übel der Welt.

 

Ich schaue zum Chauffeur hinüber; ein dunkelhäutiger, stoppelbärtiger Brillenträger, mit beiden Händen am Lenkrad, er reimt sich so seine Welt zusammen.

 

Nur ein schmaler Streifen Luft

Im Herbst dieses Jahres gibt das Wetter viel zu reden. Es ist fast unheimlich, wie ein sonniger Tag auf den andern folgt; schön warm und angenehm. Selbstverständlich kommt die Rede auch auf die Klimaveränderung. Wir schauen zu den Wolken hinauf, wenn ein paar davon vorbeiziehen, es wird uns dabei die dünne Schleife Luft rund um den Erdball bewusst, geringe zehntausend Meter Luft, die brav angeschmiegt bei der Mutter Erde bleiben. In diesem schmalen Luftmeer schwimmen Vögel und Flugzeuge; weiter oben, darüber ist nichts; alles Fliegen hat dort seine Grenze.

Unten, bei uns, gab es ums Haus eine Unmenge Leuchtkäferchen; das war vor zwanzig Jahren. Jetzt sind sie ausgestorben. Eine Untersuchung aus Deutschland findet: nur noch dreissig Prozent aller Insekten sind am Leben. Unsere Techno-Luft ist tödlich.

 

Nur leise Geräusche

Junge Komponisten, die Stücke schreiben für grosses Orchester haben kaum Möglichkeiten, ihre Musik zu hören. Im Sommer, in Luzern, gibt es drei Wochen lang die Gelegenheit. Jedes Jahr sind hundertzwanzig junge Musiker zur Verfügung, die bereit sind, für ihre Kollegen zu arbeiten. Dieses Jahr waren es Komponisten aus Korea, Japan, aus Italien, Deutschland und den USA. Mich interessiert, was junge Leute erfahren, was sie denken und was sie tun und dann komponieren.

Ich ging viele Abende hin und kam aus dem Staunen nicht heraus: alle, ausnahmslos, zeigten leise Stücke, leise Geräusche, leise Töne, viele Pausen.

Offenbar haben alle genug von der lärmigen Welt. Schluss mit einer Musik als „bruit organisé.“

 

Unser Reim

Nichts gegen Technik; aber unser Techno-Konsum ist zuviel. Techno-Luft und Techno-Lärm hält auf die Dauer niemand aus.

 

P. Werner Hegglin

 

 

NB: Unser Begleitbuch 2018: Ludwig Hohl, „Die Notizen“, Bibliothek Suhrkamp, 2014