Samstagsbrief für den 16. Dezember 2017

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

zum ersten Mal im Leben kam ich ins Ausland. Schönstatt hiess der Wallfahrtsort; eine kleine unscheinbare Gnadenkapelle —,kam mir vor wie in Einsiedeln. Die Fahrt war lange; oft sahen wir einen riesigen Rhein; die Brücken, vom Kriege geknickt, lagen noch im Wasser.

Ich gehörte zu einer Schülergruppe. Was alles war, weiss ich nicht mehr, nur: unser leitender Priester war begeistert und der andere Priester, sein Freund am Ort, erzählte von vielen Jugendgruppen, die vor uns da waren. Maria, die Mutter Gottes, wirke hier nur, wenn wir, Jugendliche, auch etwas täten, sonst wirke sie gar nicht. Das war eine Anti-Konsum-Spritze, die bei mir radikal gewirkt hat. Dass sie lebenslänglich würde, konnte ich damals nicht wissen. Aber meine Frömmigkeit war geimpft.

 

Heiligtum

Ich kenne eine Frau mittleren Alters, die immer wieder einmal auf den Berg Sion kommt, in die Kapelle geht und einige Zeit bleibt. Dort sehe ich sie eintreten, lautlos die Türe schliessen und sehe, wie sie im Mittelgang stehen bleibt, nach vorne blickt und das Marienbild anschaut.

Ob die Frau etwas spricht, etwas hört oder Maria etwas von sich erzählt? Es ist alles möglich. Dann dreht sie sich in die Bank, kniet und verbirgt das Gesicht in beide Hände.

Ob sie das Vaterauge am Chorbogen nicht sehen will? Ob Maria sie nicht hinweist auf Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels, der Erde, aller Menschen und der Welt? Der seine Geschöpfe alle trägt in ausgestreckter Hand?

Ob sie die ausstrahlende goldene Sonne des Geistes oben im Chor nicht bemerken will? Nie gesehen hat? Ob Maria, die Braut des Heiligen Geistes sie nicht leidenschaftlich hinweist auf ihren Bräutigam?

Später, unverhofft, sinken die Hände, falten sich, die Frau schaut zum Altar. Dort sind die beiden Türen des Tabernakels am auffälligsten. Im Holz dargestellt sind zwei übergrosse Trauben. Sie erinnern an das Wort Jesu: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige. Allerdings ist hier weder Weinstock noch Rebzweig, sondern die Traube, die am Zweige hängt.

Wer ist Traube? Jedenfalls tragen diese Trauben eine Unmenge Beeren. Ich habe zu zählen versucht. Das sind Wundertrauben.

Die Frau lässt sich Zeit. So wie sie vertrauend nach vorne schaut, gehört sie nicht zu den Beerenzählern; und wenn sie mit fröhlichem Gesicht das Heiligtum verlässt, kommt es nicht von einem Erfolg beim Traubenbeerenzählen.

 

P. Werner Hegglin