Samstagsbrief für den 23. Dezember 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

als ich zur Zeit des zweiten Weltkriegs früh auf sechs Uhr mit den andern Kindern durch den Schnee in die Rorate ging – damals,

als das ganze Dorf verdunkelt wurde und umso mehr für mich die Kirche in hellstem Kerzenschein erstrahlte und erst noch der Chor jeden Tag mehrstimmig die Messe sang – damals,

als wir Kinder, eng hintereinander, in der einzigen Spur des Bahnarbeiters gingen, der noch früher war als wir; da war es Winter. Heute erinnern wir uns alle und sind sicher: damals hatte es Schnee, viel Schnee.

 

Wir waren eine Kindergruppe aus einem Weiler ausserhalb des Dorfes. Wir wollten in aller Frühe in die Rorate, obwohl unsere Mütter zweifelten und auf den fehlenden Schlaf hinwiesen und auf die nötige Zeit zum Morgenessen, denn in der Schule mussten wir ja zur bestimmten Stunde wieder antreten. Aber nein. Wir waren überzeugt, im Advent müssen wir jeden Tag eine heilige und eine mutige Gemeinschaft sein.

 

Es gab zwar eine Schwierigkeit. Das waren die Guezli-Büchsen. Sie füllten sich im Advent mit dem Weihnachtsgebäck, das wussten wir; aber sie waren versteckt. Doch auch das war jedes Jahr auszuforschen und aufzufinden.

Nur: wir wollten kommunizieren und durften vorher nichts essen. Und überhaupt, den Kleiderschrank im Schlafzimmer der Mutter überfallen und Gebäck rauben, das ging nicht. Schliesslich war es ein heiliger Morgen und wir waren eine heilige Gesellschaft.

 

(Heilig leben, nach Josef Kentenich:

arm:               frei von ungeordneter Anhänglichkeit an die Materie

keusch:        frei von ungeordneter Anhänglichkeit an die Sinnesgenüsse

gehorsam:   frei von ungeordneter Anhänglichkeit an den eigenen Willen)

 

 

P. Werner Hegglin