Samstagsbrief für den 6. Januar 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

nächstes Jahr haben wir als Begleitbuch „Die Notizen“ von Ludwig Hohl. Auf dem Umschlag einer früheren Ausgabe ist der Autor abgebildet, in markantem Profil. Hinter ihm sein Arbeitszimmer, ein Kellerraum, halb über – halb unter der Erde. Oben, hinter ihm, hangen seine Texte von der Decke, eng nebeneinander, wahrscheinlich an Schnüren aufgehängt. Ludwig Hohl in Genf.

Wer ist dieser Autor? Ich schaue ihn gerne an. Er strahlt eine Kraft aus, die etwas vom Untertitel des Werkes in sich hat. „Von der unvoreiligen Versöhnung“.

 

Raum

Mein Zimmer ist kleiner als der Kellerraum in Genf; mein Tisch, an die Wand geschoben, kleiner als sein mächtiger Arbeitstisch; meine Fenster, auch ebenerdig, aber im Ganzen auch kleiner. Alles in allem ist es bei mir bürgerlich. Es liegt zwar ein südamerikanischer Teppich da; gekauft im Drittweltladen, den die Frau eines Kollegen führte.

Zwei Stühle gibt es, einer steht am Tisch, einer steht frei auf dem Teppich herum. Komme ich heim, nehme ich den freien; dort schlüpfe ich in die Sandalen und schaue träumerisch zum Tisch und zur Wand. So beginnt, was einmal Arbeit wird.

 

Bild

Von der Wand herab schaut mein Heiligenbild; quer, zwölf auf zwanzig Zentimeter, ungefähr. Es ist ein Geschenk. Ein vielfältig gestalteter starker Holzrahmen, dunkelbraun; darin ein Blatt, ganz Gold und dunkel leuchtend; im Blatt eingeschnitten ein kleines Dreieck: das Bild der Muttergottes von Schönstatt mit ihrem kleinen Heiligtum.

Dieses ist das einzigste Bild, die Wand sonst leer. Ein Werklehrer hat das Bild gemacht. Als er es mir übergab sagte er: Du bist für mich ein Chef gewesen, anständig und verständig. So ungefähr. Dabei schaute er mich an aus verschmitzten Augen, er, der kleine Mann, mit dem imposant gezwirbelten Schnauzbart, stadtbekannt.

Ludwig Hohl hatte an seinen Kellerwänden wahrscheinlich Zeichnungen von Hanny Fries.

 

P. Werner Hegglin