Samstagsbrief für den 9. Dezember 2017

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

meine Winterblüher über den Stirnen der Betongaragen hängen wie Fäden herunter; sie blühen und leuchten hellgelb in der Sonne. Die kleinen Blüten sind wie Rosenkranzperlen geordnet, jede nah neben der andern und alle schön hintereinander von oben nach unten.

So ist Advent. Ave Maria; gratia plina; dominus tecum.

 

Niedrig und eng

Mein wöchentlicher Wandertag führt an einem Hof vorbei; zwischen Haus und Scheune ist es ganz still. Kein Mensch. Kein Laut; nur der Brunnen. Später dann der Hund. Bevor der Feldweg abbiegt, steht die Kapelle. Gehört sie zum Hof? Jedesmal bleibe ich stehen. Ich kann nicht eintreten, sie ist zu niedrig und zu eng; ich könnte nicht aufrecht stehen; zudem ist ein Gitter vor dem winzigen Raum. Aber eigenartig: Wände und Decke sind bemalt, Farben und Figuren jedoch nicht mehr lesbar. Alt. Und doch probiere ich es jedesmal wieder. Die Kapelle wird noch gebraucht. Nahe hinter dem Gitter steht ein vierarmiger Leuchter; daneben liegen für den Advent vier neue Kerzen bereit. Durch das Gitter kann eine Kinderhand sie aufstecken und anzünden.

Ob das alles für die Frau ist, deren Foto auf dem Boden steht? Ob die frischen Blumen auf dem Altartisch und ob all die Kleinigkeiten inmitten der unlesbaren Bilder auch für sie sind?

 

Hoffen über den Tod hinaus

Derselbe Feldweg geht weit und gerade zwischen breiten Ackerfeldern hindurch. Es ist die doppelte Traktorspur, in der Mitte Gras. Die Spuren verlieren sich nebeneinander im Horizont. Ein unendlicher Weg.

In der Hälfte, von weitem sichtbar, steht links die halbmeterhohe künstliche Sonnenblume, schräg im Westwind. Das ist der Ort. Da bleibe ich. Was da liegt, ist wie ein Osternest: zwei brennende Lichter am Boden; ein Plastikhelikopter; ein runder sitzender Gipsengel; das Polizeifahrzeug, angeschrieben; eine Ambulanz, hundertvierundvierzig.

Wer gedenkt hier?

Wer ist das Opfer?

Wer hält die Spielzeuge sauber; über Jahre?

Wer ersetzt die Lichter?

Wer mäht das Gras rundherum am Strassenrand?

Ob die Traktorfahrer hier anhalten?

War es ein Kind?

Advent – hoffen über den Tod hinaus!

 

P. Werner Hegglin