Samstagsbrief für den 27. Januar 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

nach dem zweiten Weltkrieg, als auch die Schweizer tiefer aufzuatmen wagten, gründete Leo Kunz mutig das Lehrerseminar St. Michael Zug. Kunz war Priester und ein bekannter Pädagoge. Mit aller Energie seines Lebens ginge es ihm um Menschenbildung, denn die Zeiten Hitlers und Stalins hatten ihm gezeigt, was auf dem Spiele stand. Kunz wollte eine neue Lehrerbildung und er gab seiner Gründung als Ideal und Ausrichtung das Wort Mitverantwortung: einfach, sachlich, für alle.

 

Lehrende

Was macht Mitverantwortung aus Lehrenden? Sie sind sich gewohnt, ihr studiertes Fach zu unterrichten, weil es selbstverständlich zur Ausbildung gehört. Niemand nimmt es dem Mathematiker, dem Deutschlehrer, der Biologin übel, wenn sie ihr Fach für das wichtigste halten, wenn sie darum kämpfen, es müsse am meisten Stunden haben und selbstverständlich müsse es jede Woche stattfinden und jedes Seminarjahr von unten bis oben entscheidend prägen. So sind sie für ihr Fach verantwortlich. Und die Mitverantwortung? Mitverantwortlich für eine ganze Lehrerbildung? Sich zu fragen: Was hat meine Mathematik mit diesem Jugendlichen zu tun, der Lehrer werden will? Und die deutschen Gedichte? Und die Pflanzennamen?

Das Ideal relativiert alles. Ziel ist: Reife Menschen, tüchtige Primarlehrer. Dafür bin ich mitverantwortlich, mit andern; wir zusammen. Nicht jeder von uns muss gross herauskommen, aber zusammen müssen wir eine grosse Lehrerbildung zustande bringen. Mitverantwortlich, täglich; weniger schulstündlich.

 

Lernende

Nach zehn Jahren Volksschule kamen sie ins Seminar. Sie sagten: der Betrieb ist gross und bunt gewesen; einiges hat mir gefallen, anderes weniger. Eine Lehrerin werde ich nicht vergessen. Wie sie möchte ich werden. Aber Mathe, Physik, Französisch und Zeichnen werden mir nie gefallen.

Mitverantwortung?

Auch hier relativiert das Ideal alles. Relativiert auf das Ziel hin. Wer ein Fach nicht mag, wird es unterrichten (müssen); wird dabei den Frust weitergeben an Generationen von Schülern. Nein – Fächer abwählen gilt nicht. Sonst bleibt alles, wie gehabt. Ein Fach unterrichten, heisst eine Neigung dazu entwickeln, sonst wird nichts. Lernende sind für das Ganze verantwortlich. Auch der persönlichste Lehrplan ist kein Menüplan, sondern ein Dienst. Mitverantwortlich.

Das Ideal.

 

P. Werner Hegglin