Samstagsbrief für den 10. Februar 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

es ist nichts zu machen. Die gemessene Zeit, die Zeitmesser, die Uhren herrschen. Schon damals haben wir bei der Firmung die Armbanduhr bekommen; ein makabres Zeichen. Damit wir firm (gestärkt) sind für die hereinbrechende Hektik. Alles im Leben wird schneller werden, zahlreicher, häufiger und wird – gewiss – einiges mehr kosten. Eine fulminante Hochzeit 30‘000; eine anständige Beerdigung, ebenso.

Eine tolle Zeit. Wir müssen sie bestehen.

 

Wie ich die gemessene Zeit erfahre, die Uhrzeit.

Wenn der Wecker schellt, wenn ich ihn abstelle und aus verschlafenen Augen auf die Zeiger sehe; richtig: es ist 5.40 Uhr.

Zurück von der Toilette nochmals ein Kontrollblick, 5.55 Uhr. Zum zweiten Mal werfe ich mir einen „Gutsch“ kaltes Wasser ins Gesicht. Vor dem Rasieren: Haut anfeuchten, heisst es und die Dose des Rasierschaums heftig schütteln; dann auftragen. Das braucht Zeit.

Ich blicke über die Schulter zurück zum Wecker, 6.05 Uhr. Es wird knapp. Damit die Prozedur gut wird, muss ich langsam rasieren, vor allem am Hals. Ist es soweit, muss ich das Gesicht von den Schaumresten reinigen und mit dem Tuch trocknen.

O Schreck. Die Zeiger sind auf 6.25 Uhr. Ich sollte bereits in der Sakristei sein, um Kelch und Kelchtücher, Wein und Wasser und die Bücher zu rüsten.

Der letzte der Mitbrüder kommt in der Regel auf die Sekunde genau, 6.40 Uhr. In dieser Sekunde muss ich an meinem Platz sitzen, das Brevier richtig aufschlagen und mich zum letzten Mal geräuspert haben.

 

Wo ich gelebte Zeit erfahre, die Gegenwart

Der Dienstag ist günstig für mich; geeignet als Wandertag. Ich kann früher weggehen oder später, kann zurückkommen, früher oder später. Das „Moos“ ist ein ehemaliger See, jetzt flaches Land; ohne Anstrengung für ein schwaches Herz, sofern es seinen Rhythmus findet.

Wer hier wandert hört überall Vögel, sieht Wasserlachen, Reiher und Störche; sieht weites Land, ohne Häuser, Bauten; ohne Teerstrasse, ohne Lärm; rundum niedrige Horizonte und darüber viel Himmel. Da steht eine Eiche, allein; dort eine alte Birke, seit je. Der Kiesweg zieht sich weit hin, ohne Kurve, ohne Ende. Er wird irgendwo hinführen, wie immer. Gegenwart.

P. Werner Hegglin

P.S. Am 10. Februar: Nochmals Zeit; dann unsere Standpunkte