Samstagsbrief für den 24. Februar 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

an diesem Samstag kommt uns im Lesetext ein Wort entgegen, das wir zwar verstehen, selber aber kaum brauchen, das Wort „Ehrfurcht“. Im Text erscheint es im weiteren Sinn als Ehrfurcht vor jedem Menschen; Ehrfurcht vor jedem Menschenschicksal; ja, als Ehrfurcht vor jeder Originalität: ein Hauptwort jeder Erziehung.

Ehrfurcht kennt viele Feinde; ihr Todfeind ist die Schablone; so sagt es Josef Kentenich.

 

Der Parteipräsident

Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen einen Literaturclub. Ich war zu Besuch; man forderte mich auf: das musst du sehen! Am Gesprächstisch waren drei Frauen und ein Mann. Den Mann erkannte ich sofort: Gerhard Pfister, Präsident der CVP. Mein erster Gedanke: was hat Pfister hier zu suchen? Ich kannte sein Gesicht aus der Zeitung, wusste aber nichts: nicht dass er gelernter Literaturwissenschaftler ist, nicht dass er über Peter Handke dissertiert hat, nicht wie sehr er ein Leser ist. In der Sendung stellte er „Die Obstdiebin“, das neuste von Handke vor. Ich staunte über sein Können (ich hatte das Buch gelesen).

Als man ihn fragte, wie er neben seiner Arbeit derart zum Lesen komme, wies er auf seinen Buchhändler, der ihm jeden Monat zwanzig Bücher vorlege; dort wähle er aus. Lesen ist mir wichtig; sagte Pfister; und dann, ein Wort, das mich traf: ich lese jedes Buch zu Ende. Rundum wollte man es nicht glauben. Er sagte nochmals: ich lese jedes Werk ganz, aus Ehrfurcht vor dem Autor.

 

Der Handballer

Er sah aus, wie man sich Sportler vorstellt: hohe, schlanke Gestalt, starke Achseln, schnelle Beine, lange Arme, kräftige Hände. Der Handballer.

Er war für die Mannschaft wichtig. Ein Spielmacher, sagte man; und man sagte auch: er ist ein lieber Mensch, mit ihm kannst du alles besprechen, er weiss, was wichtig ist im Leben. Im Spiel konnte er kämpfen. Siege sind nicht gratis, sagte er. Wir müssen den Kopf dabei haben, die Übersicht dürfen wir in keinem Moment verlieren. Er spielte mit äusserstem Einsatz.

Nur eines konnten seine Kollegen nicht verstehen. Er hatte zwar eine unbändige Freude bei jedem erfolgreichen Spielzug, aber er klatschte auch, wenn dem Gegner etwas Tolles gelang. Alle in der Mannschaft schüttelten den Kopf; der spinnt, dachten sie und sagten: das kannst du bleiben lassen. Aber sofort.

Als dann sein Freund ernsthaft mit ihm sprach und ihm sagte, das sei doch kindisch, antwortete er: Wenn ihnen etwas Faszinierendes gelingt, müssen wir doch Achtung, Ehrfurcht haben davor, müssen uns freuen. Musst du das nicht?

 

P. Werner Hegglin