Samstagsbrief für den 17. März 2018

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

es gab in Genf eine Frau, sie lehrte Philosophie an der Universität; sie war politisch tätig; sie schrieb aktuelle, tiefgreifende Bücher; sie wurde bekannt, weit über Genf hinaus. Wir lasen sie gern; Jeanne Hersch.

In einem Gruppengespräch fragte sie uns: Wollt ihr bei der Philosophie bleiben? – Ja! – Ich gebe euch eine Rat: geht jeden Tag einen Weg, jeden Tag den gleichen. An dem Tag dann, an dem er euch verleidet, hört auf mit der Philosophie. Ich bin mittlerweile eine ältere Dame, riskiere selten Ratschläge; dieser jedoch ist bewährt.

 

Ein Weg

Wege führen durch die Welt. Die Welt ist mein Leben. Was denn sonst? Menschen sind Welt.

Oben die Kalkwände des Pilatus und hier mein Knochengerüst. Unten der See und hier das Wasser in jeder meiner Körperzellen. Rundum die dünne Luft und hier meine Atemzüge, der erste und der letzte. Am Himmel die Sonne und hier das Licht der Augen und meine Körperwärme.

Von dem allem lebt jede Pflanze, jedes Tier. Und wir? Wie könnten wir keimen, wachsen, blühen und Frucht tragen ohne Pflanze zu sein? Wie könnten wir uns bewegen, Sport treiben, ohne Tier zu sein? Wir wollen schwimmen, fliegen wie Schwalben, und tanzen wie Sommervögel.

Menschen sind alles; alles, was die Welt ausmacht; plus die grössten drei Lebensgaben: Phantasie, Liebe, Religion.

 

Ein Bild

Ein Bild soll es werden, auf dem alles da ist: die Menschen, die alles sind; der ewige Himmel, der alles ist; Jesus, im Geiste auferstanden, der alles ist; er kehrt heim zum Vater, der alles weiss, alles erschafft, alles ist.

Das alles mit fünf Farben?

Zumal ich nur acht dicke Wachsstifte (Pelikan) zur Verfügung habe, wovon die beiden gelben fehlen (sie sind aufgebraucht); Hellblau und Rot sind als restliche Stummel noch da. Dazu kommt der Bleistift: er zeichnet umrisshafte Menschen und dazu das Bild des wichtigsten Menschen, Maria von Nazareth, von ihr hat Gott sein Menschsein genommen, ein Menschsein, das nicht lügen wird und stehlen, wie wir.

Zuletzt: Ob wir es sehen? Unser Gott ist, auf ewig, ein Mensch.

 

P. Werner Hegglin