Samstagsbrief für den 24. März 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Persönlichkeitsbildung ist unser Thema; näher hin heisst es: – Ethos und Ideal in der Erziehung; noch näher: – Ehrfurcht und Liebe; ganz nahe: – die Kunst des Aufschliessens.

Mich aufschliessen: dazu verhalf mir eine Schule, die ich liebte, und zwei besondere Lehrer. Der eine hatte, aus Schülersicht, keine fachlichen Qualitäten, aber Ehrfurcht und Liebe; der andere war ein starker Wissenschaftler, hatte trotzdem Ehrfurcht und Liebe. So war es. Und beide waren entscheidend für mich.

Lebenslang ist dieses Aufschliessen notwendig. Manchmal sind es Menschen, die erzählen können. Zwei neuere Beispiele:

 

Peter Handke, „Die Obstdiebin“

oder einfache Fahrt ins Landesinnere, Suhrkamp 2017.

Es beginnt mit einem Bienenstich, barfuss, im Gras. Doch es wird keine Story; auf gut fünfhundert Seiten erscheint, was den Erzähler beeindruckt, was ihn spürbar trifft: der Stich/ die weissen Kleeblüten/ ein sonniger, noch nicht heisser Tag/ der Stachel/ Biene stirbt/ diese fliegt weg/ Bienenstich wie Brennnessel. Mir ist der Stich ein Zeichen, sagt der Erzähler.

Kritiker in den Medien finden das Buch zum Gähnen. Nein – es sind jeweils halbseitige Texte, ergreifende Eindrücke, spürbares Leben. Was sonst wäre denn Leben? Das Buch, ein Aufruf, selbst zu leben; mutig. Handke kennt die Kunst des Aufschliessens.

 

Felicitas Hoppe, „Prawda“

eine amerikanische Reise. S. Fischer 2018.

Felicitas Hoppe reist auf der Spur zweier Russen (als Schriftsteller getarnte Spione Stalins); sie reist (2015) mit einem jungen russischen Gärtner von der Krim; mit einer Photographin aus Halle und mit einer alles wissenden alten Dame aus Wien. Sie reisen in einem rubinroten Ford, zehntausend Meilen in vierzig Tagen. Felicitas schreibt auf der ersten Seite: „Amerika ist nun mal das Land unserer Träume: ein freies Land mit sehr freien Menschen, jeder sein eigener Sheriff, einsam rauchend, ohne Manieren, mit einem eigenen Stern auf der Brust und mit einem Hut, den er auch beim Essen nicht abnimmt.“

Schnelle, treffende Wörter, überraschende Gedanken, so schreibt Felicitas Hoppe; und wie einem lahmen Pflänzchen unter einem phantastischen Sprühregen, so geht es jedem Lesenden. „Prawda“ schliesst auf für die wahre Kunst der echten Empfindung.

 

P. Werner Hegglin