Samstagsbrief für den 14. April 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Tugend kommt von taugen

Ich traue meinen Augen nicht; da steht einer unserer Wandergruppe abseits vom Weg, in der Wiese draussen; eine grosse stämmige Gestalt; steht dort, wo der Bach vorbeifliesst. Es ist René. Er steht im Wasser, die Hosen aufgekrempelt bis über die Knie und er geht vornübergebeugt bachaufwärts. Was sucht er? Ich schaue genauer hin. Auf dem Bachbord glänzen weisse Stücke. Ich schaue genauer. Es sind Fische. Das ist also René gegen die Strömung angegangen, gebückt, wie man sieht; gebückt, damit er unter die Grasränder im Bach greifen kann. Und tatsächlich ist es ihm gelungen, Fische dort in der Höhlung so in die Enge zu treiben, dass er sie packen konnte.

Da sagten wir zueinander: Der kann ja von Hand fischen! Haben wir noch nie gesehen. Könnten wir nicht. Untauglich.

 

Tugendhafte Gesinnung

Ein Rumäne hat sich gemeldet; er will etwas Berufliches besprechen. Ich weiss nur: Seine Familie flüchtete nach Deutschland als er zehn war. Es sei wunderschön gewesen im kleinen Dorf der Lüneburger Heide. Als dann das Tauwetter kam, wollte der Vater (Journalist) wieder zurück nach Bukarest. Er hoffte auf mehr demokratische Weite. Er wurde enttäuscht. So kamen wir in die Schweiz. Ich war zwanzig. Jetzt bin ich vierzig und im kirchlichen Dienst.

Als wir uns setzten, sprang er nochmals auf und rief: Schau doch, dieser Pilatus! Diese Wand! Diese schwarzen Felsen und die leuchtenden Schneeflächen! Es hat mich so gepackt: ich habe das Auto angehalten, bin ausgestiegen und stand da in restloser Begeisterung. Ganz benommen.

Wir kamen dann darauf, das habe etwas mit dem zu tun, was wir Gesinnung nennen. Handeln aus Gesinnung entsteht zweiteilig: Zuerst ist dein spürbarer Eindruck, deine Betroffenheit vom Pilatus; und dann, gleichzeitig, die Antwort; dein Anhalten, Aussteigen. Ein einziger Vorgang, ein augenblicklicher Vollzug, passiv und aktiv.

 

Gesinnung

„Das ist in kritischen Lagen der Fall, wenn für Überlegen und Wählen keine Zeit ist, wenn es plötzlich einen Augenblick lang darauf ankommt, ob der Mensch weich wird und kapituliert oder standhält, ob er sich gehen lässt oder sich fasst, ob er sich impulsiv von der Gelegenheit verführen lässt oder starkmütig und beherzt reagiert, vielleicht sogar zu einer heroischen Anstrengung ansetzt. (H. Schmitz)“

 

P. Werner Hegglin