Samstagsbrief für den 21. April 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser

 

Ein Geheimnis. Die polnische Soziologin Nechama Tec hat in ihrer Studie „When light pierced in the Darkness“ die Motive untersucht, die im besetzten Polen einzelne Christen dazu bewog, ihr Leben zu riskieren, um Juden vor der Vernichtung zu retten. Zu ihrer und aller Soziologen Überraschung fand sich kein statistisch signifikanter Faktor, der auf moralisches Handeln hinweist. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Hilfs- und Opferbereitschaft einerseits und Klassenzugehörigkeit, Einkommen, Bildung, Religion oder politischer Einstellung andererseits. Weshalb verschiedene Menschen sich in derselben Situation unterschiedlich verhalten ist und bleibt ein Geheimnis.

 

Das Geheimnis hat einen Namen. Der Philosoph Max Scheler schreibt: „Es sind wechselnde Tatbestände, wenn ich „jenen Schmerz leide“; ihn „ertrage“; ihn „dulde“, ihn eventuell sogar „geniesse“. Was hier in der Funktionsqualität des Fühlens variiert, ist sicher nicht der Schmerzzustand. Es ist vielmehr die Gesinnung, in der der Schmerz durchgemacht wird. Diese Gesinnung ist keine Disposition, sondern ein augenblicklicher Vollzug.

 

Die Gesinnung. Der Philosoph Hermann Schmitz schreibt dazu: Das ist in kritischen Lagen der Fall, wenn es plötzlich einen Augenblick lang darauf ankommt, ob der Mensch weich wird und kapituliert oder standhält, ob er sich gehen lässt oder sich fasst, ob er sich impulsiv von der Gelegenheit verführen lässt, oder starkmütig und beherzt reagiert, vielleicht sogar zu einer heroischen Anstrengung ansetzt. Gesinnung wirkt, auch wenn für Überlegen und Wählen keine Zeit bleibt. Es ist augenblicklicher Vollzug mit allen Konsequenzen.

 

Meine Gesinnung am dritten Samstag. Ich betrachte zu Beginn unser Bild, dann gehe ich stillschweigend unseren Weg über die Halbinsel.

Das Bild begleitet mich in folgender Weise: Ich stehe da in meinem Menschsein. Dieses Menschsein ist die Summe der Welt, in der ich mich jetzt wandernd bewege.

 

– Meine Gesinnung sagt: Bleib diesem Menschsein treu!

In der Mitte des Bildes steht Maria. Von ihr hat Gott sein Menschsein genommen, von wem denn sonst?

– Meine Gesinnung sagt: Bleib Marias Menschsein treu!

Jesus steht im Bild von ganz unten bis ganz oben. Jesus hat alles Menschsein angenommen und so die ganze Welt erlöst.

– Meine Gesinnung sagt: Bleib dem Menschsein Jesu treu.

 

P. Werner Hegglin