Samstagsbrief für den 28. April 2018

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Vergangene Woche, wie über Nacht, waren die Wiesen auf einmal voller Frühlingsfarben: An den Waldrändern zuerst die Scharen der weissen Anemonen; dann, plötzlich am ersten hellwarmen Nachmittag, dicht verstreut, der leuchtende Löwenzahn, durchmischt vom violetten Wiesenschaumkraut; tief in die Gräser geduckt die Massliebchen, dazu Kolonien von Katzenaugen und da und dort, besonders auffällig, das gelbglänzende Scharbockskraut mit seinen elegant grünglänzenden Blättern. Am Ende, auf hohen Stängeln, der Hahnenfuss, wie eine Invasion. Eine Frühlingssymphonie.

 

Hören 1 Als ich noch direkt am See wohnte, wo meine Gartenmauer zugleich Seemauer war, da war der Winter die Zeit der lauten Vögel, der Krähen, Möwen, Elstern und der Eichelhäher. Wenn dann am Josefstag die schwarzen Milane von ihrer Weltreise zu uns zurückkamen, dann waren auch die allerlautesten da.

Gleichzeitig hatte das Konzert der Frühlingsstimmen begonnen, der leiseren, helleren, intensiveren und unermüdlicheren. Schade, dass ich viele Stimmen nicht erkannte. Die Amseln schon, die Finken, Meisen, Spechte; sogar das Paar der kleinen Zaunkönige und der Gartenrotschwanz und jene, die gern solistisch tätig waren.

 

Hören 2 Warum höre ich so gerne zu, wenn jemand etwas erzählt? Ich weiss es nicht.

Im Verlaufe des Morgens mache ich eine Arbeitspause, etwa eine halbe Stunde; ich steige ins Dachzimmer hinauf, dort sitzt mein Freund am Tisch und schreibt.

Wenn er erzählt, höre ich ihm unheimlich gerne zu; weiss aber auch hier – im Einzelnen – nicht genau, warum. Aber eines weiss ich: Seine Stimme, das ist Er, ganz Er. Auch was er sagt: ganz Er.

 

Hören 3 Mindestens einmal pro Woche fahre ich im Zug nach Luzern. Die Zentralbahn fährt häufig, sie wird stark benützt, fast wie ein Tram. Ich betrachte die Personen; jede macht mir Eindruck. Auf der Rückfahrt schliesse ich die Augen. Warum? (Nicht alle sind vom Handy absorbiert.) Ich höre Stimmen; ich höre zu. Ich möchte heraushören, wer sie sind. Heraushören ist kein Wort der Neugier. Heraushören ist viel mehr.

 

P. Werner Hegglin