Samstagsbrief für den 5. Mai 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt in unserer Schweizer Literatur ein Gedicht, das wie geschaffen ist für unsern ersten Samstag, an dem es, jeden Monat, um das Leben in dieser Zeit geht. Es ist ein religiöses Gedicht; man merkt es zwar erst beim dritten oder vierten Lesen.
Der Autor blickt zurück auf seine gelebte Zeit. Er sagt: ich sah, und schreibt für uns auf, was er sah; das heisst, er schreibt auf, was Gott ihm zeigte und was ihm unauslöschlich geblieben ist.
Was ist Frömmigkeit? Vielleicht nichts anderes, als am Abend dankbar zu sagen: Ich sah.

Ich sah
Ich sah
wie die Häuser
die Farbe
verloren

Und sah
wie der Himmel
die Farbe
behielt

Und sah
wie man stirbt
und wie man
geboren

Wie sommers
die Ströme ihr
Wasser
verloren

Und wie
man gläserne
Marmeln
verspielt

Einem Kinde
Wirst dir einige Figuren zulegen
Hans im Glück
zum Beispiel
Mann im Mond
St. Nikolaus
zum Beispiel
und lernen
dass die Stunde
sechzig Minuten hat
kurze und lange
dass zwei mal zwei vier ist
und vier viel oder wenig
dass schön hässlich
und hässlich
schön ist
und
dass historisches Gelände
etwas an sich hat
Zuweilen
sommers oder so
begegnet dir
in einem Duft von Blumen
einiges dessen
das man Leben nennt
Und du stellst fest
dass
was du feststellst
etwas an sich hat

Gerhard Meier wohnte ein Leben lang in Niederbipp. Bis er fünfzig war, arbeitete er in der Lampenfabrik; dann begann er ausschliesslich zu schreiben.
Ich sah: fünf Strophen, fünf Bilder, fünf Weltauffassungen.
Einem Kinde: Leben aufschliessen.

P. Werner Hegglin