Samstagsbrief für den 12. Mai 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

unser Thema: Fragen. Alles, was auf der Welt vorkommt, kann auch objektiv sein; das sind Sachverhalte. Die entsprechenden Fragen sind objektiv und können auch objektiv beantwortet werden von jeder Person, die genug weiss und genug gut reden kann. Wir sind (zum Beispiel) im Wald.
Frage: was ist das hier am Boden? Antwort: ein Pilz! Alles klar. Okay. Wie heisst dieser Pilz? Steinpilz? Okay. Wo wächst er am liebsten? Im Buchenwald. Okay. Warum wächst er hier? Ein geeigneter Boden. Okay. Wann wächst er? In dieser Jahreszeit. Okay.

Berg Sion. Fragen vor der Haustür
Es ist aufwachender Frühling; alles spriesst und sogar der Nussbaum auf der Höhe treibt schon die ersten Blätter.
Wir werden hinausgehen, werden dastehen und versuchen, in diesem Blüten- und Blättermeer zu schwimmen. Alle möglichen Hecken sind da, Krummholzgebüsche, verschiedene Buchen, Ahorne und Sträucher aller Art. Dazu dieses Vielerlei der Gräser und Wiesenblumen und die phantasievollen Gartenbepflanzungen; sogar grosse tiefblaue Enziane sind da. Hoch oben die weissen, ziehenden Wolken und die Sonne, unser Licht, unsere Wärme.
Wir stehen da; alles ist fraglich.

Berg Sion. Zurück im Tagungsraum
Rechts und links wird begeistert geredet vom „Ereignis“, vom blühenden Strauch, vom Hamamelis / Zaubernuss. An allen Ruten, bis in die letzten Spitzen, hat er die runden, grossen, weissen Blüten geöffnet, ein Blütenkleid sondergleichen; alles, alles weiss; kein Blatt, kein Grün, nur Holz und Blüten. Neben mir sagt jemand: Auf den habe ich gewartet; werde ihn niemals vergessen. Das ist affektive Betroffenheit, denke ich, Grund jeder Subjektivität, Grund aller Subjekte. Existenzgrund.

Philosophisches Fragen
Alles, was in Wirklichkeit vorkommt, kann objektiv oder subjektiv aufgenommen und ausgesagt werden. Beides ist gültig; beides muss miteinander auskommen.
Deshalb müssen wir philosophieren, das heisst: So besinnt sich der Mensch, zwischen Objektivität und Subjektivität der Sachverhalte vermittelnd, auf sein Sichfinden in seiner Umgebung.
Frage: Was geht mich an? Was von dem, was die Umgebung mir anbietet, muss ich ernstlich wichtig nehmen und als „meine Sache“ gelten lassen?
So fragt der Philosoph Hermann Schmitz.

P. Werner Hegglin