Samstagsbrief für den 16. Juni 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

Wir nennen unseren Nachmittag „Kurzexerzitien“. Wir treffen uns vor unserem Bild; wir schauen; sagen einander unsere Einsichten, nehmen mit, was wir für unseren Weg in der Stille brauchen könnten. Nach zwei guten Stunden sind wir zurück und ruhen aus im Heiligtum; es folgen Rückblick und Kaffee. Dann schauen wir aus auf die Heilige Messe, kürzer oder länger, ungefähr so:

Himmel
Unsere Grossmutter nannte sie „Lupinen“. Ein Dutzend davon stehen vor meinem Fenster; mannshohe Stengel, unten die Blätter; rundum, dicht beieinander die vielen Blüten, gelbe, hellviolette, weisse. Die unteren sind schon abgefallen, die oberen, habe ich auf Augenhöhe. Sie sehen aus wie die unteren Enden der Alphörner. Ich schaue zu, wie ein Hummel in eine Blütenhöhle kriecht, verschwindet, kurz bleibt und herauskommt; dann sofort in der nächsten verschwindet. So – stelle ich mir vor – ist es mit den Lesungen der Messe: eintauchen, kurz bleiben, Nahrung finden (hoffentlich), dann weiter, nächste Lesung.

Goldteller
Auf dem Goldteller liegen nicht nur die Brotstücke. Ich lege auch mein Tagewerk hin samt dem, was ich, von früher, heute mitgetragen habe. Dazu kommt der Exerzitienweg: „Jeder Schritt durch die Elemente, durch die Pflanzen- und die Tierwelt; jeder Schritt durch die gesamte Menschenwelt ist ein Schritt zu mir und zu meinem Menschsein; ist auch ein Schritt zu Maria, denn von ihr hat Gott sein Menschsein genommen. Jesus hat gelebt, ist gestorben, auferstanden und ist heimgekehrt zum Vater.

Höhepunkt
„Am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf, da nahm er das Brot, sagte Dank, brach es und reichte es den Seinen.“
„Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird,“
„Aus freiem Willen“ ist ein Wort, das bis zum Ender der Feier in mir nachklingt.
Von unserem Gründer bleibt mir der Ausdruck „freigewählt und freigewollt“ – unvergesslich.

P. Werner Hegglin