Samstagsbrief für den 23. Juni 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

an diesem Samstag kommen wir zum Ende der Vorträge über „Wege zur Persönlichkeitsbildung“.
Rückblickend: Es ging um Erde, Mensch und Himmel. Es ging um das „Und“, nicht um ein „Entweder – Oder“. Es ging um eine langsam wachsende persönliche Frömmigkeit. Dafür finden sich in den Anmerkungen unseres Textes zwei Nummern, die in Kürze Wesentliches sagen:
Nr. 14 „Wahre Frömmigkeit – kindliche – besteht im Kleinsein und Grosssein.“
Nr. 15 „Demut wächst aus dem Erleben des Kleinseins und drängt hinein in die Arme Gottes; drängt hinein in das Hängen am Lebendigen Gott; und das dadurch vertiefte Abhängigsein drängt hinein in ein grenzenloses Vertrauen.“

Klein
Ich bin kein Mensch, der viel reist oder reisen muss; erinnere mich aber doch an den Flughafen Malpensa. Schon im Flugzeug über den weissen Wolken kam ich mir bedenklich klein vor. Und dann das ewige Warten, Geschobenwerden in den Schlangen, zu den Kontrollen, noch und noch, bis zum umständlichen Ausziehen der Hosenträger.
Das Flughafengebäude, übervoll, gestossen voll; aber man sagte mir, es gäbe noch ganz andere Flughäfen. Endlich draussen: eine Unmenge von Bussen, nach Mailand, Domodossola, Lugano, Rom. Zum Glück sieht mir ein rundlicher, alter Herr mein Kleinsein an, mit ihm finde ich, was ich finden muss. So kommt wieder das Warten. Plötzlich entsteht ein lauter Streit zwischem dem Chauffeur und einem schwarzen Flüchtling, der inkognito in den Bus geschlüpft ist. Endlich gehts los; auf gestopften Zubringern zur Autobahn; dort ist der Bus ein „Grosser“. Der Chauffeur lehnt zufrieden zurück und fährt konstant seine hundertzwanzig.

Gross
Vertrauen kommt von Treue; das grenzenlose Vertrauen kommt von Gott, vom ewigen, grenzenlosen.
Wir hatten Verwandte im Entlebuch. Söhne und Töchter waren mit uns etwa gleichaltrig; so trafen wir uns für Ferientage.
Es gab unter dem Dorf, dort wo der Fluss sich windet und ein schönes Becken bildet, die kleine, gedeckte Holzbrücke. Dort war auch der Badeplatz der Dorfjugend; und der „Todessprung“, von dem ich erzählen will.
Als Neuling wurde ich aufgefordert, auf das Dach der Brücke zu steigen. Oben erschrak ich, denn das Wasserbecken war von dort nicht sichtbar. Ich musste also ins Leere springen. Erschüttert stieg ich hinunter. Ich hatte zwar nicht gezweifelt; aber ich wollte es sicher glauben. Mit ganzer Kraft schaute ich nochmals das Wasser an, seine Tiefe, seine Breite; wollte ganz sicher werden: unter Wasser ist kein Fels verborgen.
So wagte ich es.
Deine Sache hast du getan, sagte ich mir.
Die tödliche Sekunde liegt in Gottes Hand.

P. Werner Hegglin

PS: Sommerpause Samstagsgespräche 29. Juni bis 31. August, Wiederbeginn
1. September.