Samstagsbrief für den 9. Juni 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

wieder muss ich zum Arzt. Meine Augen sind schmerzhaft gerötet und klein; das Umfeld bleibt angeschwollen; das Augenwasser läuft, offenbar ist der Tränenkanal verstopft. Ich sehe meine Umgebung wie durch Vorhänge, alles schleierhaft. Der Arzt untersucht. Dann gibt er mir Augentropfen und Salbe mit. Lesen Sie den Beipackzettel, mahnt er. Damit gerate ich in ein Dünndruckprogramm.

Programme mit Worten. Beipackzettel.
Name der Augentropfen: Floxal.
Wann wird Floxal angewendet?
Was sollte beachtet werden.
Wann darf Floxal nicht angewendet werden.
Wann ist Vorsicht geboten.
Schwangerschaft und Stillzeit.
Warum überfliege ich die vielen Anforderungen?
Ich meine: schliesslich hat der Arzt mir das Mittel gegeben; er muss es ja wissen, was er tut und was ich soll. Selbst die Nebenwirkungen überfliege ich; ich lese sie, falls sie einmal da sind.
Und schliesslich bin ich ein geübter Beipackleser. Ich gehe gezielt auf das eine Thema zu: Wie verwenden Sie Floxal?
Tropfen: 4-mal täglich 1 Tropfen in den Bindehautsack des betroffenen Auges einträufeln.
Salbe: 3-mal täglich einen 1 cm langen Salbenstrang in das betroffene Auge einbringen.
Das Folgende übergehe ich wieder. Vielleicht fahrlässig.

Programme ohne Worte. Die kleine Werkstatt.
(Viel wichtiger als alle vorgeschriebenen Programme sind die Aufforderungen, die in Situationen integriert sind.)
Brauche ich ein Werkzeug, steige ich im Hause zwei Stockwerke tiefer; dort hat sich unser Teilzeitschreiner und Hauswart in einem Zimmer eine kleine Werkstatt eingerichtet. All seine Werkzeuge sind an Wänden in schönen Reihen platziert und anschaulich zum Gebrauch dargeboten.
Manchmal vergesse ich mich in diesem Raum, bleibe auf einem Hocker sitzen und schaue der Reihe nach den Werkzeugen entlang. Es gibt eine Reihe von Scheren, es ist klar, wofür sie gemacht sind: nicht zum Schlagen, nicht zum Stechen, nicht zum Kratzen; zum Schneiden. Dann kommen Schraubenzieher, Stechbeutel und die Hobel verschiedener Grössen.
Es ist faszinierend: was immer Menschen herstellen an Werkzeugen, sie passen nicht nur in die Hand, sie fordern auch auf ohne Worte; es ist anschaulich klar, wofür sie brauchbar sind. Eine kleine Werkstatt (Situation) integriert hunderte von Programmen; so wie eine Sprache (Situation) hunderte grammatischer Regeln integriert.

P. Werner Hegglin

PS: Sommerpause Samstagsgespräche 1. Juli bis 31. August, Wiederbeginn
1. September.