Samstagsbrief für die Gesprächspause im Monat Juli 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Sommer ist nicht nur die Zeit der Ferien, er ist auch eine Zeit der „Wunder“.
Als Kinder haben wir ihnen „Flügerli“ gesagt, den geflügelten Samen der Ahornbäume. Beide Flügel sind ausgespannt in vollendeter Eleganz, geschwungen quasi von einem Körper aus, von den beiden Samentaschen; in dieser Mitte gehalten von einem dünnen Stiel, der sie bei kleinsten Winden baumeln lässt. Am Baum sind die Geflügelten gelb, dann grün; wenn sie zu Boden segeln werden sie braun; die Samen befreien sich. Ein Wunderwerk.

Land
Wer den Süden sucht, kommt zu den Ölbäumen, zu den Rebhängen und den Weizenfeldern; in eine Welt: silbrig-grün, sattgrün und weiss-gelb; nah an einem vielfarbigen Meer, unter grenzenlosem Himmel – und zu freundlichen Menschen.
Einer, ein Landarbeiter, im Olivenhain; auf einem Mini-Traktor, eine Egge ziehend und einen Eisenbalken; pausenlos unter den niedrigen Bäumen hin und her; der Boden muss fein gehackt sein und glatt wie ein Stubenboden.
Der Landarbeiter sieht den Wanderer, hält an, steigt ab und kommt unter den Ölbäumen auf den Weg hinaus. Er lacht, grüsst fest mit der Rechten, fragt nach Woher und Wohin und erzählt von den Oliven, vom Schneiden, vom Bewässern jedes einzelnen Baumes, vom Schutz gegen Insekten und vom kilometerweiten Weg vom Dorf zu den Feldern; von der Arbeit früher, von der Arbeit jetzt und wo er sich die Wunde an der Stirn geholt hat. Dann ein herzlicher Handschlag und zurück zum Traktor. Nach etwa einer Wegstunde hört der Wanderer ein Auto kommen; überrascht sieht er einen kleinen weissen Kastenwagen, der Fahrer steigt aus, es ist der Landarbeiter. Er bringt einige Aprikosen und sagt: das sind die besten in unserer Gegend. Auf Wiedersehen.

Meer
Mein Meer hat alle Farben: am Horizont ist es schwarz, dann wechselnd violett, dunkelgrün; dann heller bis gelb, blau bis weiss. Wellen, mächtigbreit, schäumend: das Tosen des Meeres, wie es in den Psalmen heisst.
Im Schatten hoher Schirmpinien spazieren ein paar Leute, schauen auf die anrollenden Wellen und freuen sich am frischen Meerwind.
Vor mir gehen eine Frau mit zwei Mädchen, dann der Mann, zuletzt zwei Buben, ein grösserer und ein ganz kleiner. Plötzlich steht der Kleine still, will nicht mehr vorwärts; klettert dem Grösseren auf den Rücken und hält sich fest um dessen Hals. Nach einiger Zeit zupft er ihm am Haar, der lässt ihn zu Boden gleiten und sie gehen fröhlich weiter. Ich gehe näher. Wieder erschrickt der Kleine und es folgt dasselbe Spiel. Was ist? Eine grosse, grüne Eidechse! Ein Krokodil – und eine brüderliche Rettung.

P. Werner Hegglin