Samstagsbrief für den 13. Oktober 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

ob der Strauch vor meinem Fenster das Jahr auch im Januar beginnt ist ungewiss; aber im Januar steht er da, nichts als ein paar dünne Stämme, etwa fünf Meter hoch, nur Holz, wie es sich für den Jahresanfang gehört; unscheinbar; niemand achtet auf den Strauch.
Dann geschieht Eigenartiges: an Stämmen und Zweigen gehen auf einmal alle winzigen Knospen auf, eine Unmenge grosser weisser Blüten, kein Blatt dabei; alles schneeweiss, so dass die Leute stehen bleiben. Nach einem weissen Monat kommen die Blätter. Wie alle Nachbarn wird auch der Strauch grün, endlos grün.

Im Juli zeigt sich ein blutrotes Blatt, ein einzelnes. Im August kommen zwei dazu. Im September wird der Strauch müde, die Blätter welken, grün wird graubraun.
Oktober: Plötzlich wird jedes Blatt blutrot, glänzend rot; bis dann die Blätter fallen; Ende Jahr.

Betroffen (leibhaft, affektiv)
Pro Tag und pro Nacht sehe ich unendlich vieles, höre vieles; bin dankbar für Aug und Ohr, Hand und Fuss, für Haut und Mund; für alle Aufnahmeorgane meines Körpers. Sie nehmen auf und leiten weiter; so habe ich es in der Schule gelernt.
Was da alles zusammenkommt, kann gespeichert werden; das Speicherbecken nannte man Seele, bis heute. In der Neuzeit der Wissenschaften bevorzugte man das griechische Wort „Psyche“. Später, als alles englisch wurde, hiess es „Mind“; und in neuster Zeit wurde aus dem Speicherbecken ein Körperteil „Hirn“.
Dabei aber vergass man den Leib, das erste aller Wahrnehmungsorgane. Es existiert im Bereich des Körpers, ist aber kein Körperteil.
Dieser Leib merkt alles, was ich sehe und höre, taste und schmecke – er merkt aber darüber hinaus vieles, was ich mit Aug und Ohr nicht wahrnehmen kann, zum Beispiel: Schreck, Schmerz, Angst, Hunger, Durst, Jucken, Kitzel, Ekel, Behagen, Wollust, Frische, Müdigkeit, Mattigkeit und viele andere leibliche Regungen. Aber auch Gefühle werden die Meinigen nur dadurch, dass ich sie am eigenen Leibe spüre, zum Beispiel: Frohsinn, Traurigsein, Fürchten, Sichärgern, Sichschämen, Bestürzungen usw.

Wenn ich
Wenn ich sage: es nimmt mich wunder was das Wetter heute mit mir macht (nicht ich mit ihm…). Da bin ich offenbar bereit, an mir etwas geschehen zu lassen, das mehr bringt und mehr bedeutet als die 18 Grad auf dem Thermometer. Es ist vielfältige leibliche Wahrnehmung.
Wenn ich sage: der Nachbar hat im Affekt gehandelt, dann ist vorher mit ihm etwas passiert; er ist affektiv betroffen im Leib.
Wenn mein Strauch dasteht, dann macht er etwas mit mir. Es passiert etwas, ich werde merklich spürbar ein anderer.
Dafür braucht es einen Leib, ein Ich; kein spezielles Sammelbecken.

P. Werner Hegglin