Samstagsbrief für den 27. Oktober 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir werden am Samstag miteinander den zweiten Vortrag lesen, ab Seite sechsunddreissig. Am Ende des Textes werden wir eine überraschende Wendung antreffen. Offenbar hat Pater Kentenich in den Pausen etwas munkeln gehört; jedenfalls spricht er die Priester, jetzt am Schluss, direkt an: „Vielleicht halten Sie mir jetzt entgegen: Was soll ich mit all dem tun? Darüber lässt sich ja gar nicht betrachten“ (meditieren).
Der Vortrag hatte eine kritische Ansammlung aller möglichen Erlösungstheorien von damals gebracht und hatte offenbar den frommen Zuhörern etwas den Atem genommen. Der Exerzitienleiter bleibt ruhig; beschwichtigt, lachend, das mit dem Betrachter sei doch nicht so schlimm. Vielleicht gebe es doch zwei, drei Sätze, von denen man sagen könne: Was mich erfasst hat, das Wenige, betrachte ich. Das genügt doch vollständig. Denken Sie daran, wenig ist oft mehr.

Erlösung eins
Die Religionen sind immer Erlösungsreligion vom Typ der Fremderlösung. Für unsere Lektüre ist es wohl nützlich, eine knappe Ordnung herzustellen.
Bei den nichtchristlichen Religionen sollen wir in das Leben bedeutender Persönlichkeiten hineingezogen werden.
Zum Beispiel: Moses, Buddha, Mohammed, Konfuzius.
Bei den christlichen Konfessionen sollen wir in das Leben des Gottmenschen Jesus Christus hineingezogen werden.
Zum Beispiel: In seine Seinsgemeinschaft, seine Gesinnungs – Lebens – und Schicksalsgemeinschaft. Es geht um Erlösung von ewiger Schuld.

Erlösung zwei
Von der Mensa her sehe ich ihn über den Schulplatz kommen: Eine hohe Gestalt, feierlich im Gehen; alles an ihm ist gross, von den Füssen zu den Schultern bis zum Kopf; eindrücklich, mit kurz geschorenen, weissen Haaren: Unser Lehrer für Zeichnen und Malen.
Wenn er in seinem Atelier unterrichtet, steht er ruhig unter uns, redet mit wenigen Handbewegungen, wie ein sparsamer Dirigent; wenn er sich einem von uns zuwendet, beugt er sein Haupt nahe herab und jeder von uns erinnert sich an die lebhaften Augen und seinen alles umfassenden Blick. Als Lehrer hat er nie etwas vorgezeichnet, er hat mit allem Wohlwollen unser Bemühen genau beraten.
Einige Jahre später sehe ich in St. Gallen ein Ausstellungsplakat mit seinem Namen. Sofort gehe ich hin. Auf den ersten Blick sind die Räume voller gleicher Bilder: Grosse Formate, meist schwarzer oder weisser Hintergrund mit verschiedenen blauen, weissen, roten und gelben Flecken. Was soll das?
Daraus haben sich viele Gespräche ergeben und der Kauf eines Bildes.
Unser Lehrer ist Marxist. Er malt seine Überzeugung: Grosse und Kleine sind verschieden; aber die Kleinen sollen gleich viel wert sein wie die Grossen.
Das ist politische Erlösung vom Typ Selbsterlösung.

P. Werner Hegglin