Samstagsbrief für den 10. November 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

bei meinen Grosseltern in Baar gab es im Treppenhaus einen freundlichen Abort mit der Eigenart von zwei hölzernen Sitzlöchern, einem grossen und einem für uns, die Kleinen. Die Wand rechts war bedeckt von einer riesigen Europakarte. Dort markierte der Grossvater mit farbigen Stecknadeln den Frontverlauf des 2. Weltkrieges, fünf Jahre lang.
Davon verstand ich nichts. Aber ich lernte Geografie und lernte, dass die braune Hälfte der Welt Hitler gehörte, die rote Hälfte Stalin. Es blieben zwei verschwindend kleine, weisse Flecken, die ich täglich anstarrte: England und die Schweiz.

Braun und rot
Franz sollte den Hof der Eltern übernehmen, wollte jedoch Priester werden. Er ging zum Pfarrer. Der Pfarrer öffnete ihm den Weg zum Studium an einer Schule in Hersberg am Bodensee. Dann brach der Krieg aus. Hitler rief die Studenten nach Konstanz, hielt eine Rede, schenkte allen das Abitur und schickte sie nach kurzer Ausbildung an die Westfront. Paris wurde erobert, das Land besetzt.
Anschliessend kam Franz an die Ostfront. Besonders die Kriegswinter in Russland wurden für alle schlimm. Viele Kameraden fielen. Franz, unterdessen Hauptmann geworden, schrieb den Angehörigen die Kondolenzbriefe. Bis 1945 schrieb er über zweitausend.
Als Stalingrad verloren war, kamen in unseren Nachrichten jeden Tag die planmässigen Rückzüge der Wehrmacht. Für die Russen war es der Vaterländische Krieg, für Franz die zermürbende Katastrophe. Auf beiden Seiten Tausende von Toten. Gegen Ende hatte Franz nur noch ein Ziel: Niemals in russische Kriegsgefangenschaft geraten! Franz desertierte mit seinem Freund zusammen, sie stahlen zwei Pferde, Proviant und Material. So erreichten sie, in nächtlichen Ritten, die amerikanische Zone in Österreich. Endlich. Gerettet.
Noch in derselben Nacht wurden sie an die Russen verkauft; in Viehwagen verfrachtet und in wochenlangen, stockenden Fahrten in ein Arbeitslager nach Sibirien verbannt. Franz litt an unmenschlicher Arbeit, wurde sterbenskrank. Eine russische Ärztin rettete ihn; er überlebte in einer Matratzenfabrik, jahrelang. Als Adenauer zum letzten Mal nach Moskau kam, hatte Franz das Glück, doch noch Kriegsheimkehrer zu werden. Er stand am Bodensee und sagte: Hier bleibe ich.

Gelb und weiss
Aber er wollte immer noch Priester werden. So begann seine Geschichte mit der Kirche.
Sie führte ihn durch die andere Hälfte der Welt, bis zum Amazonas.

P. Werner Hegglin