Samstagsbrief für den 17. November 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

der erste November ist der Allerheiligentag. Der Nachmittagshimmel ist hell und blau, die Sonne wärmt und das Gras wächst immer noch. Auf diesem Grün leuchten bunte Bäume; eine Buche in heiterem Hellgelb, die Eiche etwas dunkler, grünbraun; daneben eine Reihe Ahorn, voll von grün, gelb, roten Blättern, die bei kleinsten Winden fallen; dazwischen ein Strauch, leer wie im Winter. Unter der Nachmittagssonne wird alles zum Gesamtbild, zu einer Farbkomposition eines heiligen Künstlers.

San Carlo B.
Der Bischof von Mailand hatte einen guten Begleiter; er organisierte alles Nötige und verfasste den Tagesrapport der Pastoralreise im Tessin.
Der Bischof kam vom Konzil von Trient; dort hatte er entscheidend mitgewirkt; heimgekehrt, zögerte er keinen Tag, die Reform der Kirche in Angriff zu nehmen. Der Rapport bleibt bis heute das Zeugnis davon.
Es geht darin um die Pferde, um den Proviant. Jedes Dorf, jede Kapelle ist beschrieben, jedes Pfarrhaus inspiziert, alles Fehlende notiert. Ob die Kirche sauber ist, die Sakristei in Ordnung; ob die Kinder unterrichtet werden und für die Armen gesorgt ist. Der Begleiter schreibt auf, ob der ungebildete Pfarrer das Messe-Latein versteht, ob er das Ritual genügend kennt, die Taufe und die Firmung würdig spendet, und ob sein Einkommen genügt, gegebenenfalls auch seine Kinder zu ernähren.
Der Bischof bleibt jeweils zwei Tage, kümmert sich um alles, sorgt und hilft. Er reitet hinauf bis zu letzten Kapelle. Dem Bischof ist nichts zu viel. Er ist ein Heiliger.

Stephan H.
Annähernd fünfzig Jahre war er Pfarrer in Heiligkreuz gewesen. An jenem Tag in der heissen Zeit, an dem es endlich einmal regnete, wurde ihm – wie man sagt – die letzte Ehre erwiesen. Ich fuhr hin mit Zug und Postauto und kam eine Stunde zuvor in der Kirche an.
Ein starker Dank erfüllte mich. Wie oft hatten wir zusammen an diesem Ort geredet und gewirkt! Bereits nach einer halben Stunde war die Kirche gefüllt. Hunderte drängten sich zusammen und eine eigenartige Stille begann sich auszubreiten. Ich sah vor mir die vielen Köpfe ruhig nach vorn gerichtet, kein links und rechts, alle still für sich.
Ich vermutete, es gehe allen wie mir. Ich schaute auf Stephans Bild, vorne im Chor, alles Erinnern ging hin und her von ihm zu mir, alles Gemeinsame; unendlich vieles.
Plötzlich Trompetenstösse; die Feier begann.
Aber die Stunde zuvor wird mir unauslöschlich bleiben, die lautlose Andacht eines Dorfes, eines ganzen Dorfes. Stephan, ein Heiliger.

P. Werner Hegglin