Samstagsbrief für den 24. November 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

damals wollte ich zu Fuss von Mailand nach Sizilien; ich wollte weg und Italien sehen. In der ersten Jugendherberge sagte mir ein junger Deutscher, der von der Fremdenlegion weggelaufen war, ich sei ein Stadtgänger und ein Landstreicher.

Was kann ich wissen (Kant)
In jenem Jahr war ich besessen von „Selber“: selber Wege finden, alles selber anschauen, alles selber verstehen lernen.
So kam ich auch nach Florenz. Wie gewohnt ging ich zur Uni, ich suchte ja Lehrer; fand dort einen im Fach Sozialphilosophie. Er sprach über gerechtes Leben. Ich war begeistert. Ein Banknachbar erklärte mir, er sei der „sindaco“. Er hat mir das Feuer der Philosophie entzündet. Als ich heimkam, begann ich mit diesem Fach.

Was soll ich tun (Kant)
Ich begann nachzudenken, auch über Religion. Ich begriff, dass Religion in jedem Fall ein mit-hineingezogen-werden in die Persönlichkeit eines Stifters ist; in das Leben eines Moses, eines Buddha, eines Mohammed, eines Jesus von Nazareth. Ich lernte auch den Unterschied verstehen: Jesus ist als Einziger ein Gott-Mensch.
Was soll ich tun? Wie werde ich hineingezogen in das Lebensschicksal Jesu? Heute, nach 2000 Jahren? Beten? Feiern der Sakramente? Lesen der Heiligen Schrift? So begann ich als Student mit der täglichen Eucharistie und vier Jahre lang mit dem Studium der Schrift.

Ich war fleissig. Um acht Uhr stand ich pünktlich vor dem Schalter des Uni-Concierge, zeigte meinen Ausweis und erhielt den Schlüssel des Seminarraums. Dort war ich über Jahre allein mit den Büchern der Bibelwissenschaft. Ich musste von vorn beginnen: lernte wieder Griechisch, las Markus und die Synoptiker, dann ein Jahr lang Johannes und dazwischen die Briefe, einen nach dem andern. Am Abend ging ich in die Kapelle auf dem gleichen Stock, legte Jesus meine Arbeit vor und brachte den Schlüssel zurück. Mit der Zeit konnte ich den Urtext gründlich verstehen, begriff die unterschiedlichen Schreibweisen, lernte echt und unecht unterscheiden, musste aber feststellen, dass ich damit eher den Evangelisten und Paulus näher kam. Wie war es mit Jesus? Den Evangelisten war Jesus nahegekommen, sie hatten den Drang, von ihm Zeugnis zu geben und sie reichten jede Jesus-Erzählung weiter, die sie erreichen konnten.

Was darf ich hoffen (Kant)
Der Kirchenvater Origenes hat die Text-Kommunion praktiziert. Er kannte viele Jesus-Erzählungen auswendig, er schaute sie andächtig an im Lektionar; dabei spürte er deutlich, wie die Persönlichkeit und das Leben Jesu in ihn eingingen.
Erzählungen können das.

P. Werner Hegglin