Samstagsbrief für den 22. Dezember 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

In der Samstagsgruppe lesen wir das Buch „Der erlöste Mensch“. Es sind Vorträge aus Priesterexerzitien, gehalten von P. Josef Kentenich, geschöpft aus dem Lebenswerk des Apostels Paulus, vor allem aus seinem Römerbrief.
Den Priestern wurde Paulus vorgestellt als entscheidende Orientierung in jenen schwierigen Jahren nach 1935, wo alles auf einen Krieg zutrieb; unter jenem Hitlerregime, das christliches Leben lautstark verachtete. Wer damals nicht mitging wurde ausgeschaltet; Widerstand war lebensgefährlich; ein falsches Wort genügte. Josef Kentenich wurde verhaftet, dann deportiert ins KZ Dachau; 1945 befreit; und hatte dann noch gute zwanzig Jahre zu leben. In jener Zeit lernte ich ihn kennen, den Mann mit dem weissen Bart.

Gruppe. Freunde. Reise.
Ich war im Gymnasium. Dort hörte ich, es gebe an der Schule Schönstatt-Gruppen. Ich war interessiert; ging mit zur wöchentlichen Zusammenkunft. Im Laufe der Zeit fand ich gute Freunde und als zwei davon sagten, sie würden im Sommer eine Reise nach Schönstatt machen, ging ich mit. Am Ort geriet ich in die Marienkapelle, voll von Betenden, die kamen und auch blieben. Und im Schlafraum sah ich erstmals ein Foto vom Mann mit dem weissen Bart. Er selber war im Ausland.

Erzähler. Wanderer. Beter.
Unserer Gruppe war ein Pater Klein zugeteilt für die drei Tage. Ich staunte, wie er uns am Morgen erzählen konnte, von den Anfängen an dieser Schule zur Zeit des ersten Weltkriegs; von Studenten, die stark genug waren, konsequent ein anderes Leben zu suchen, als es im grossen Haufen Mode war.
Am Nachmittag wanderte er mit uns über die Hügel, oder in die Rheinebene hinunter, und am Fluss entlang. Wir hockten am Wasser, warteten auf die riesigen Lastkähne und sahen die zerbombte Brücke gebrochen im Wasser liegen.
Am Abend kam der Pater mit zum Beten und half uns dabei. Er sagte, er habe beten gelernt vom Mann mit dem weissen Bart. Er sagte auch, wie sie es damals gelernt hatten.

Gott. Welt. Zeit.
In der letzten Klasse hatten wir in der Gruppe das Thema: Gott spricht zu uns durch die Stimmen der Zeit. Irgendeiner hatte das aufgebracht und dabei behauptet, die sozialen Rundschreiben der Päpste könnten uns behilflich sein, denn sie hätten auf die heutige Zeit geschaut.
Beim Buchhändler fand ich den Hinweis, es gebe eine Sammlung dieser Rundschreiben deutsch in einem Band. Als der Band dann ankam, war er kiloschwer und für uns unheimlich teuer. So war es also mit den Stimmen der Zeit. Zudem waren sie voll von Fremdwörtern, die wir höchstens erraten konnten. Später hörten wir, das Thema stamme vom Mann mit dem weissen Bart, er habe sich ein Leben lang daran gehalten und allen gesagt, sie müssten es sich nicht vorsagen lassen, sondern selbständig dahinter gehn – und forschen – und dann Gott gehorchen.

P. Werner Hegglin