Samstagsbrief für den 5. Januar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

In meinem Leben gibt es Bücher, die irgendwann wiedergelesen werden wollen. Die Zeiten des Wiederlesens sind ungewiss. Rückblickend: das vergangene Jahr war eine solche Zeit.
Ich las vier Bücher mehrmals wieder: meine Hauptbücher aus Russland, Italien, der Schweiz und die Märchen aus Deutschland.

Deutschland, Gebrüder Grimm
Das kürzeste Märchen der Gebrüder Grimm beginnt so:
„Es war einmal ein armes, kleines Mädchen; dem war Vater und Mutter gestorben; es hatte kein Haus mehr, in dem es wohnen und kein Bett mehr, in dem es schlafen konnte, und nichts mehr auf der Welt, als was es auf dem Leibe trug und ein Stück Brot in der Hand, das ihm ein Mitleidiger geschenkt hatte.“
Die meisten Märchen beginnen an einem derartigen Nullpunkt. Es ist alles verloren, es fehlt alles, alles ist fremd und muss neu gesucht werden.

Russland, Andrej Platonow
Mein Hauptbuch beginnt ebenfalls am Nullpunkt:
„Am dreissigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt, infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.“
Woschtschew wird in seiner Nachdenklichkeit und Schwäche bleiben, das System kann ihm nicht helfen, es ist sozialistisch, nicht sozial.

Italien, Elio Vittorini
Das Buch beginnt mit einem Brief. Ein Vater, an seine fünf Söhne, schreibt, er sei von der Mutter weggegangen mit einer andern. Die Mutter habe kein Geld nötig, sie bekomme jeden Monat seine volle Pension als ferroviere.
„Io vivro di lezioni private; realizzando in tal modo anche un mio vecchio sogno que vostra madre mi aveva sempre impedito di realizzare.“
Letzter Satz des Briefes: „Da eure Mutter nun allein ist, bitte ich euch doch, sie hin und wieder zu besuchen.“
Also: Nullpunkt auf beiden Seiten.

Schweiz, Peter Bichsel
Herr Bichsel, konnten Sie vom Schreiben leben?
„Von den Büchern nie, ausser kurze Zeit von den Kindergeschichten.“
„Es gab Zeiten, da wusste ich nicht, wovon wir leben sollten. Wir hatten zwar nie Schulden, ich konnte immer alles bezahlen, aber ich wusste eigentlich nicht womit. Aber Therese hat immer gesagt: Mach nur, das geht schon! Und es ist gegangen.“

P. Werner Hegglin

4 Peter Bichsel, Was wäre, wenn?
3 Elio Vittorini, Conversazione in Sicilia
2 Andrej Platonow, Die Baugrube
1 Gebrüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen