Samstagsbrief für den 12. Januar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

Jahrhunderte lang waren die Ärzte überzeugt: am menschlichen Herzen darf man nicht herumschneiden, jetzt tun es sozusagen alle.
Wir erinnern uns an die schönen Bilder der geklonten Schafe; man war entrüstet. Und jetzt?
Jetzt kommt der chinesische Biophysiker mit genomveränderten Zwillingen Culu und Nana. Nun ist es machbar. Dem Machbaren folgt unweigerlich die Praxis. Was wir können, tun wir auch.
Und alle wissen: Verbieten wird nicht helfen.
Es bleibt nichts anderes, als nachzudenken und darüber zu reden, was denn zulässig ist, was nicht; mit anderen Worten: die Verantwortlichen werden über Regeln sich einigen müssen.
Nicht jede Transplantation ist sinnvoll.

Erste Frage
Am nächsten Samstag werden wir als kleine Gruppe ins Gespräch kommen.
Unter anderem werden wir über folgenden Satz nachdenken: „Wissenschaften fahnden nach objektiven Tatsachen zur Lösung objektiver Probleme.
Philosophie fahndet nach objektiven Tatsachen zur Lösung subjektiver Probleme.“
Dazu gehören die drei Leitfragen der Philosophie nach Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
Biophysik ist ein wissenschaftliches Geschäft. Keine Frage. Geht es aber um Regeln und Ordnungen menschlichen Lebens, sind die Leitfragen Kants nicht mit im Spiel?
Wir werden sehen.

Zweite Frage
„Woher kommt mir der Mut, trotz Tod, Schuld und Not weiterzuleben?“
Die Frage kommt, weil ich seit Monaten krank bin. Ich bin alt; es gibt ein bevorstehendes Ende, an Schuld und Versagen fehlt es nicht und die Not der Schmerzen ist da.
Was kann philosophieren dazu beitragen?
„Die neue Phaenomenologie verfolgt die Aufgabe, den Menschen ihr wirkliches Leben begreiflich zu machen…“
Im Gespräch wird sich klären, woher der Mut kommt; es geht um unwillkürliches Lebenserfahrung; ob sie begreiflich wird?
Versuchen wir es…

P. Werner Hegglin