Samstagsbrief für den 16. Februar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

am Sonntag nach Lichtmess schneite es. Es schneite beim Morgenessen, am Mittag und im Lichtschimmer des Abends schneite es immer noch. Weil kein Wind war, fielen die Flocken ruhig, fadengerade und dicht. Das Bett der Frau Holle wurde fleissig aufgeschüttelt. Wiesen und Scheunendächer sahen grösser aus, die Äste der Bäume wurden weiss nachgezeichnet, der Himmel lag grau vor den Fenstern und hüllte alles ein. Meine erste Schulzeit kehrte zurück; als wir auf dem Pausenplatz tanzten mit den Flocken und die Mädchen rundum wirbelten, dass die Röcke flogen. Beim Einnachten verschwanden die Flocken weiss auf weiss, nur am dunklen Garagentor blieb der Schneefall sichtbar; dorthin schaute ich, bis er auch dort verschwand.

Die andere Wanderung
Der nächste Tag brachte kältere Winde und weiterhin nassen Schnee; für mich kein Wetter, hinauszugehen. So blieb ich im Haus. Es gab ja genügend Räume und Gänge, eine Hauswanderung zu versuchen.
Ich begann beim westlichen WC, durchquerte die Wohnstube, dann etwas von einem Gang und so hinein in den grossen Tagungsraum; von dort hinaus in die Eingangshalle und, am Ende, durch die östliche Wohnstube, dann die Umkehr und: Retour.
Im Tagungsraum blieb ich jedes Mal, beim Hin und Zurück, eine gute Zeit lang stehen. Ich schaute auf das Bild; begann am unteren Rand mit dem Blau der Elemente; dann hinauf zum Grün der Pflanzen und zum Rot der Tierwelt. Und sah alle Welt im Menschen vereint – auch in Maria –, denn von ihr hatte Gott damals sein Menschsein genommen, für immer.

Das andere Bild
Der Schnee fällt nicht nach oben. Der Apfel fällt vom Baum. Jedes Ding liebt die Erde, will zu ihr hinunter, als wär’s die ewige Seligkeit, bei ihr zu ruhn.
Das Bild ist anders.
Die Elemente steigen hinauf in die Bäume; die Pflanzenwelt ernährt die Tiere und alles Irdische findet sich im Menschsein. Der Mensch ist die Welt; es gibt keine Trennung von Mensch und Welt.
Es gibt auch keine Trennung zwischen Mensch und Gott, denn Gott hat sein Menschsein genommen von Maria.
Welt, Mensch und Gott sind beisammen.
Das Bild zieht himmelwärts.
Für immer.

P. Werner Hegglin