Samstagsbrief für den 9. Februar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

am 9. Februar reden wir über drei sehr kurze Sätze:

1 Eine Person ist ein Bewussthaber mit der Fähigkeit der Selbstzuschreibung.
2 Selbstzuschreibung besteht darin, etwas für sich (oder sich für etwas) zu halten.
3 Alle spezifisch personalen Leistungen ergeben sich aus dieser Fähigkeit.

Bewusstlos
Haben Sie einmal einen Bewusstlosen angetroffen? Wie sah er aus, ohne Bewusstsein? War es ein Unfall auf der Strasse, auf dem Bau, oder auf einem Bildschirm?
Vor einer Woche lag ich im Spital, wurde operiert; ist man dabei bewusstlos? Es gibt im Spital den Aufwachraum; dort wachte ich auf; schlief ich vorher? Ist Schlaf bewusstlos? Beim Wandern, im Gasthaus am Nebentisch, hörte ich Männer schwärmen vom Segen der Mobilität und dass der Bundesrat endlich sechs Spuren beschlossen habe und wie sagenhaft billig das Fliegen sei. Da dachte ich: Sind die bewusstlos? Gibt es solche Bewusstlosigkeit?
Jedenfalls rast die Erdkugel geduldig weiter, ob ich bewusstlos bin oder im Aufwachraum.

Bewusst
Denke ich an mich, kommt mir das Wort Selbstbewusstsein in den Sinn. Es hat, wie im vorausgehenden Satz, mit „ich“ und „mich“ zu tun; und was mit mir zu tun hat, geht mich tatsächlich etwas an. Dabei kommt mir die Frage, ob ein schlechtes Selbstbewusstsein möglich ist, wenn ja, wie?
Jedenfalls muss es da sein, bevor ich ihm etwas zuschreiben kann, ich schreibe ja ihm etwas zu. Also wird es ein absolutes Selbstbewusstsein geben; nachher, durch Zuschreibung, ein relatives. So geht es auch mit dem, was wir Identität nennen. Heute redet alle Welt davon. Warum? Vermissen wir sie? Ist sie dort, wo wir sie krampfhaft suchen, gar nicht zu finden?
Vielleicht sind doch nicht alle Tatsachen objektiv? Müssen wir uns von dieser Illusion verabschieden? Verabschieden kann schmerzen; schädlich ist es in keinem Fall.

P. Werner Hegglin