„Barmherzig wie der Vater“ lautet die Leitperspektive dieses Hl. Jahres der Barmherzigkeit. Wie werden wir barmherzig wie der Vater?

Henri J. M. Nouwen hat eine geistliche Deutung zum wohl bekanntesten Gleichnis aus dem Lukasevangelium geschrieben, dem Gleichnis des verlorenen Sohnes (Lk 15,11-32). Dabei war ihm das folgende Bild von Rembrandt leitend.

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Wir Menschen sind oft wie der jüngere Sohn, der von Zuhause weggeht. ‚Weggehen’ ist die „Ablehnung der Wirklichkeit, dass ich mit allen Fasern meines Seins Gott gehöre, dass Gott mich in einer ewigen Umarmung sicher hält, dass Gott mich wirklich in seine Hand geschrieben hat … Von Zuhause weggehen heisst so leben, als hätte ich noch kein Zuhause und müsste erst lang und breit suchen, um eines zu finden.“ (H.J. Nouwen) Ohne Zuhause suche ich da und dort in der Welt nach bedingungsloser Liebe, ohne sie zu finden. Dabei kann ich meine Schätze und Talente verschleudern und meine echte Berufung vergessen: nämlich als Kind im Haus des Vaters zu wohnen.

Oft sind wir aber auch wie der ältere Sohn, der Zuhause bleibt: treu, pflichtbewusst, fleissig, aber innerlich fern vom Vater. Das zeigt sich in seiner Reaktion auf die Festfreude, welche die Rückkehr seines Bruders ausgelöst hat. Er erwidert vorwurfsvoll seinem ihm entgegen kommenden Vater: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.“ (Lk 15,29-30).

Beide Söhne sind eingeladen, aufzubrechen und die Liebe des Vaters anzunehmen, nicht als Tagelöhner, auch nicht als treuer Knecht, sondern als Kinder des Vaters. Was können wir dazu beitragen?

  • Sich im Vertrauen üben, dass Gott mich liebt und mir mit offenen Armen entgegen kommt. „Vertrauen ist die tiefe innere Überzeugung: Der Vater möchte, dass ich zu Hause bin. Solange ich zweifle, ob ich es wert bin, gefunden zu werden“ und Kind Gottes zu sein, bin ich nicht wirklich im Haus des Vaters angekommen. (H.J. Nouwen)
  • Lernen zu danken: „Dankbarkeit als Tugend heisst sich ausdrücklich darum bemühen, anzuerkennen, dass alles, was ich bin und was ich habe, mir als eine Gabe der Liebe gegeben ist, als ein Geschenk, das ich voller Freude feiern kann.“ (H.J. Nouwen).

H.J. Nouwen kommt im dritten Teil seines Buches auf den Vater zu sprechen. Auf dem geistlichen Weg sind wir eingeladen, nicht nur als Kinder Gottes im Haus des Vaters Daheim zu sein, sondern selbst ein Vater/eine Mutter zu werden. Wir sind berufen wie der Vater zu werden und sein Erbarmen im täglichen Leben zu verwirklichen. Nach Nouwen führen 3 Wege zu einer wahrhaft barmherzigen Vaterschaft:
1) das eigene Herz vom Leid der Welt durchdringen lassen
2) ohne Bedingung vergeben
3) weitherzig und grosszügig sein.

Als Vater oder als Mutter sind wir gerufen, zu Hause die Kinder jederzeit willkommen zu heissen, sie mit offenen Armen zu empfangen und ein Fest der Freude zu feiern. (Maria Hässig)

 

„Barmherzig wie der Vater“ ist Thema der „Abendgespräche“ (Barmherzig wie der Vater) und der „Exerzitien im Alltag“ auf Berg Sion in Horw. 
Die Exerzitien laden ein, sich neu der Liebe Gottes bewusst zu werden, die Gemeinschaft mit Gott zu pflegen und sich von seiner Barmherzigkeit berühren zu lassen. Auch nehmen wir ‚Barrieren’ in den Blick, die uns hindern, ganz in und aus dieser Liebe zu leben. In der dritten Woche gibt es Anregungen, wie ich Gottes Barmherzigkeit in meinem Alltag verwirklichen kann. Die Menschen sollen und dürfen durch mich eine Spur von Gottes Liebe erahnen und erfahren.
Die „Exerzitien im Alltag“ dauern 3 Wochen. Jede Woche findet ein Treffen statt, bei dem die Teilnehmenden Impulse erhalten und sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Die Treffen schliessen jeweils mit einer Gebetszeit.
Für die Zeiten der Stille und Besinnung zuhause erhalten Sie ein Begleitheft. Das Begleitheft ist so konzipiert, dass man die „Exerzitien im Alltag“ auch für sich alleine machen kann.

Mehr Informationen zu den „Exerzitien im Alltag“ finden Sie hier: Exerzitien im Alltag

„Lieben und vergeben, so wie Gott liebt und vergibt. Das ist ein Lebensprogramm,
das weder Unterbrechungen noch Ausnahmen kennen darf, sondern uns dazu anspornen muss,
immer weiter zu gehen, ohne jemals zu ermüden, mit der Gewissheit,
dass die väterliche Gegenwart Gottes uns trägt.“

(Papst Franziskus)

 

Alle Zitate von H.J. Nouwen sind dem Buch entnommen: „Nimm sein Bild in dein Herz : Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt“. Freiburg i.Br.: Herderverlag, 91999.