Samstagsbrief für den 22. Juni 2019
Liebe Leserin, lieber Leser,
es stimmt, ein Geologe darf nicht farbenblind sein. Schon von Weitem sind Felsen von ganz verschiedenem Grau; man kann Schichten und Bänder unterscheiden, noch ohne zu wissen, wie sie heissen; und je näher ich komme, desto farbiger, interessanter und fraglicher wird auch die kleinste Felswand.
Bin ich alt und krank – auch da wird die Welt grau; es geht vorbei, sage ich mir, und schaue schon gar nicht hin. Wird es lebensgefährlich, muss ich hinschauen, nicht nur der Arzt. Vieles wird dann fraglich, wie bei der Felswand.
Schlägt die Therapie des Arztes gut an, geht es vorwärts, es wird besser, der Patient wird gesund. Erlöst.
Wenn nicht
Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste: Toni geht an Ostern über die Strasse, fällt um, wird freundlich aufgelesen und leicht verletzt zum Spital gebracht. Dort wird untersucht und abgeklärt: Fortgeschrittene Leukämie, höchst lebensgefährlich, denn Toni geht gegen neunzig, ist schwach auf den Beinen und sehr müde. Er braucht Schmerzmittel, liegt, und schläft viel; wartet einige Tage und stirbt in Ruhe. Toni ist bereit. Er geht heim zu seinem Vater und Schöpfer. Am Totenbett denken die Angehörigen: Wie heiter und friedlich er aussieht, richtig erlöst.
Wenn nicht
Die zweite Möglichkeit: Die Krankheit ist zwar lebensgefährlich, auch Krebs; aber der Kranke ist noch stark genug, einigermassen lebendig im Geist, interessiert; macht kurze Spaziergänge, übt Klavier, schreibt Briefe und macht seine täglichen Arbeiten. Doch eine Therapie im Sinne der Heilung ist nicht mehr möglich. Der Arzt rät ihm: Man kann gut oder schlecht krank sein; versuchen Sie, es gut zu sein. Wir werden Sie unterstützen, so gut es geht, wir werden schauen, wie es mit den zunehmenden Schmerzen ist, wir versuchen, alles in guten Grenzen zu halten.
Denken Sie daran: Hätte Gott es gewollt, Jesus wäre in der jüdischen Welt geblieben, wäre lehrend und wirkend gewandert, bis ins hohe Alter.
Können wir uns das vorstellen?
Anstatt lehren, wandern und wirken will Gott den Kreuztod des jungen Jesus.
Können wir uns das vorstellen?
Können wir uns beides nicht vorstellen, dann bleibt eines klar: Er hat beides für uns (mich!) getan.
P. Werner Hegglin
PS: Sommerpause Samstagsgespräche 23. Juni bis 31. August, Wiederbeginn
7. September.