Samstagsbrief für den 7. September 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer krank wird braucht Hilfe; eine Hilfe, die er sich nicht selber geben kann, die von jenseits seiner Macht kommt.
Meine erste Hilfe ist die Hausärztin im Dorf. Als sie Unregelmässigkeiten im Blut entdeckt, schickt sie mich zum Spezialisten. Ich treffe eine eindrückliche Gestalt an, gross, mit Glatze und üppigem, grauem Haarkranz. Der Blutarzt bietet mir einen Stuhl an, mustert mich über seine Brille hinweg und fragt: Warum schreiben Sie Berg Sion mit S? Ich kenne die Frage und antworte ohne Zögern: Ich bin katholisch, römisch; das heisst römisches Weltreich, dann römische Weltkirche, heisst lateinische Sprache und schreibt sich deshalb nicht mit Z, wie in Jerusalem.

Das Blut
Der Spezialist verschrieb mir ein Medikament, kontrollierte regelmässig und stabilisierte so die gefährliche Blutkrankheit. Ich staunte.
Da traf ich in unserer Verwandtschaft eine junge Pharmazeutin; sie arbeitet in der Grundlagenforschung und, obwohl aus Sizilien stammend, kann sie deutsch und lebt beruflich in Hamburg. Während eines Essens erzählt sie uns, was es braucht, um ein solches Medikament zu entwickeln: Es braucht viel Geld! Es braucht mindestens zwanzig Jahre Zeit; braucht zuerst teure Forschung, dann teure Testphasen und teure Realisierung, industrielle; dann –vielleicht– Marketing; zuletzt lange praktische Einführung. Ich verstand nicht die Hälfte; aber ich staunte. Seither ist „Hilfe“ ein anderes Wort für mich.

Das Herz
Vor über zehn Jahren wurde ich in Zürich operiert: Bypässe an den Herzkranzgefässen und seitdem drei Medikamente auf dem Lavabo. Täglich einnehmen, halbjährlich kontrollieren; alles in Ordnung, alles in Ruhe.
Ich schaue morgens und abends auf die drei kleinen weissen Pillen, empfinde Respekt und Dank. Da ist „Hilfe“ ein anderes Wort geworden. Herzhilfe.

Die Zellen
Unheimlich viele Zellen machen den Körper aus, in unendlich vielen Sorten. Solange eine Sorte friedlich ist, gilt der Mensch als gesund; wird sie aggressiv, wird der Körper zum bösen Schlachtfeld. Eine Sorte nimmt überhand und zerstört lebenswichtige Organe. Es wird gefährlich. Mein Tumor zwischen Lunge und Leber war tennisballgross; er konnte bestrahlt werden, drei Wochen, täglich. Dann war Ruhe. Nach fünf weiteren Wochen war der Tumor wieder da und im Spital begann eine Chemo-Therapie. Auch sie blieb ohne Erfolg.
Hilfe ohne Erfolg. Eigenartig: Auch hier empfinde ich Respekt und Dank. Es sind viele, die gearbeitet und für mich Hilfe versucht haben. Ich danke. „Hilfe“ wird nochmals ein anderes Wort.

P. Werner Hegglin

PS: Am ersten Samstag (7.9.) ist „Hilfe“ das Märchenthema.