Samstagsbrief für den 23. März 2019
Liebe Leserin, lieber Leser,
im siebten Vortrag lesen wir vom Mysterium des Kreuzes. Dabei erinnere ich mich:
Das Familienkreuz
Als unsere Mutter alt und weise wurde, sagte sie manchmal: Ich bin euer Familienkreuz. Von Kind auf bin ich nachtblind und ihr müsst mich an der Hand führen in der Dunkelheit. Als Jugendliche verlor ich das Gehör und ihr müsst das aushalten mit immer neuen Apparaten und neuen Verbesserungsversuchen. Mit fünfzig überfuhr mich ein Lastwagen, warf mich zu Boden; der Arzt verklebte eine kleine Wunde am Hinterkopf. In der Folge wurde ich blind. Das Familienkreuz: Schwerbehindert im Hören und im Sehen. Unsere Mutter sagte: ich konnte das gut ertragen, aber für euch war es eine strenge Plage.
Das Gemeinschaftskreuz
Im Dorf, wo ich zur Schule ging, ging ich anschliessend ins Gymnasium. Die Priestergemeinschaft der Pallottiner führte es. Ich war begeistert, wurde sogar Mitglied der Gemeinschaft und später Lehrer an ihrer Schule.
Die Schönstattbewegung hatte ich früh kennengelernt, ich lebte in ihr. Der Gründer der Bewegung war ein Pallottiner. Damals beteten wir:
„An Schönstatt und Pallotti lasst uns glauben
und dieses Einheitszeichen nie uns rauben“.
Als es dann doch zur Trennung kam, entschied ich mich für Schönstatt. Doch das Einheitszeichen liessen wir uns nicht rauben; aber es hatte einen schweren Riss. Dieser Riss ist ein Kreuzbalken, der unserer Generation zu tragen bleibt.
Das Primizkreuz
Ich habe kein Auto, bin Mitfahrer. Nähern wir uns Zug und der Fahrer sagt: Ich gehe über Menzingen, Schindellegi, dann freut es mich. Menzingen ist mein Heimatort; die Seelein bei Hütten sind die „Nasentropfen Gottes“ am Ende des anstrengenden Schöpfungswerks (sagte unser Vater); dann hinunter zum See geht es den Rebhängen entlang. Das übrige Gelände ist industriell zugebaut, das ärmliche Bauernhaus unten am Bach ist geblieben. Dort hatte der Bildhauer seine Werkstatt, dort hat er mein Kreuz geformt.
Jetzt hängt es über meinem Bett, ganz allein. Die Arme weit ausgestreckt ans Holz geheftet; Jesus neigt sein Haupt; schaut zu mir herunter: Es ist vollbracht, ruft er; in jeder Nacht.
P. Werner Hegglin