Samstagsbrief für den 25. Mai 2019
Liebe Leserin, lieber Leser
„Wenn ich es nicht gelernt habe, einem Menschen gegenüber Liebe mit Ehrfurcht zu verknüpfen, fällt es mir auch sehr schwer Gott gegenüber.“ Josef Kentenich (144)
Lokomotive im Haus
Wir wohnten im obersten Stock einer Fabrik, die zu tun hatte mit der Stromversorgung der SBB in der Ostschweiz. Die Fabrik war eingerahmt von Bahnen; auf der einen Seite von den Schienen der Appenzellerbahn; auf der anderen von der Strecke Zürich-St. Gallen und mitten durchs Haus gingen die Schienen der Werkbahn. Da standen dann oft die Güterwagen und manchmal sogar eine Lokomotive. In der Werkhalle war die Lokomotive immer ein Ereignis. Da stand ich davor, ging herum auf allen Seiten, konnte mich nicht satt sehen. All die Räder, Achsen, Federn; all die Platten, Schrauben und oben die Stromabnehmer.
Einmal fragte ich: Vater, kannst du alle Teile der Lokomotive zeichnen? Alle Schrauben, alle Kabel? Der Vater sagte: Ich kann es. Ich schaute zu ihm auf, und glaubte.
Bienenvölker
Vaters Bienenhaus stand am kleinen Bach (Bienen wollen vom Moos trinken); umgeben von einer Menge Stauden, Kätzchen, die als Erste blühen (Bienen wollen früh ernten). Als Schüler wusste ich: mein Vater ist ein Bienenforscher. Ich war dabei, wenn er lange, lange auf das Gewimmel eines Volkes schaute. Ich konnte nicht sehen, was er sah. Für mich waren es tausende und alle gleich. Da zeigte er einmal auf das Volk und sagte: Da ist eine junge Königin. Ich sah nichts. Später sagte er: Schau, wie sie sich bewegen, wenn sie von aussen in den Stock hineinkommen. Sie haben eine Sprache. Ich hörte nichts. Er: Sie sagen, wie weit weg das Futter ist; in welchem Winkel zur Sonne sie dorthin fliegen müssen und was dort zu finden ist. Ich verstand nichts. Er: Bienenvölker sind ein Staat, sie sind geführt und organisiert wie wir. Ich staunte.
Als unser Vater starb, übernahm eine meiner Schwestern die Bienen. Sie ging zum Bienenhaus und teilte allen in Ehrfurcht mit: Euer Bienenvater ist gestorben.
Symphonien
Er war ein kleiner Musiklehrer, kurzhaarig und dunkelhäutig, fast wie ein Inder. Er war St. Galler, verehrte die neue Musik, besonders Paul Hindemith. Eines Tages fragte er mich: Hast du am Sonntag vor dem Mittag eine Stunde Zeit? Ja, sagte ich. Wir könnten Musik machen, meinte er.
Von da an trafen wir uns um elf am Flügel. Vierhändig. Du suchst den Bass, sagte er, und spielst; ich schaue für die drei andern Stimmen.
So spielten wir die Symphonien durch von Bach bis Hindemith. Bald lernte ich den Bass lesen und zusammen tönte es gut. Er erklärte, was ich nicht verstand. Es wurde ein gutes Jahr. Ich lernte Staunen, Freundschaft und Respekt.
P. Werner Hegglin