20231028_Impuls_Jahresparole_P.Raffael_Rieger_pdf
Impuls zur Jahresparole
Schönstatt Life 28. Okt. 2023, Quarten – P. Raffael Rieger
- Der griechische Physiker und Mathematiker Archimedes (ca. 287-212 v.Chr.) fragte sich, wie er die ganze Welt bewegen könnte. Er entdeckte, dass es einen festen Punkt und einen Hebel braucht: «Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln.»
- Am Delegiertentreffen der Schönstattbewegung im Juni haben wir uns auch die Frage gestellt. Die Marienschwester Dr. Elizabeth Parodi hat uns dabei geholfen mit ihrem Impulsreferat sie fragte die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer: «Was ist der archimedische Punkt Schönstatts, von dem aus wir Welt und Kirche in Bewegung setzen?»
- Es ist das Charisma Schönstatts. Und schon stand die nächste Frage im Raum: Was ist das Charisma Schönstatts? Es ist ein geflügeltes Wort, das wir oft brauchen, ohne genau zu wissen, was Charisma meint. Charisma sei «zunächst eine tiefe Gotteserfahrung, ein konkreter Weg der Begegnung mit Gott.» Und daraus eine Erkenntnis, was Gott von seiner umfassenden Botschaft für die jetzige Zeit als Auftrag jemandem und einer Gruppe übergibt, welchen Akzent er mit diesen Menschen verwirklichen möchte. Was ist das für Schönstatt, für P. J. Kentenich? Welchen Auftrag hat Schönstatt für unsere Zeit?
- Wir glauben in der neuen Jahresparole etwas davon erfasst zu haben. Du – ganz Mensch! Es ist kurz und bündig das ist gut. Sehr zusammengerafft.
- Zuerst ist es eine Aussage: Du bist ein Mensch und du bist ein ganzer Mensch und es ist gut, wie Du bist, alles gehört zu Dir, die Menschlichkeiten, wie wir sagen, aber auch alles Streben und Arbeiten, deine Sehnsüchte und Wünsche. Alles gehört zu Dir
- Weiter ist es auch eine Aufforderung: Du, werde immer mehr Mensch, werde immer mehr ein ganzer, ein ganzheitlicher Mensch. Werde immer mehr das, was Gott im tiefsten in Dich hineingelegt hat, in Dir angelegt hat.
- Aber was heisst für uns Mensch sein? PJK hat oft formuliert: «Erst Mensch, dann Christ, dann ganzer Mensch! Oder: Der natürlichste Mensch ist auch der übernatürlichste Mensch». Für uns ist klar: Ganz Mensch sind wir nur, wenn wir uns unserer Geschaffenheit bewusst sind, wir sind nicht aus uns selbst heraus und auch nicht nur aus dem Ja unserer Eltern, nein, das entscheidende Ja ist das von Gott – für alle, ob wir unsere Eltern kennen oder nicht, das meint Religio: zurückgebunden, angebunden, sich der Schöpfertätigkeit Gottes bewusst. D.h. ohne den Gottesbezug können wir nicht ganz Mensch sein, wie wir es verstehen. Und wenn wir dafür ein Beispiel möchten, wer uns diese Verbindung von Himmel und Erde vorbildhaft vorgelebt hat, dann kommen wir zu Maria
- Zu ihr können wir sagen: Du, ganz Mensch, wie Du möchte ich auch ganz Mensch werden.
- Sie hat sich bei der Hochzeit zu Kanaan um das ganz praktische, den Wein gekümmert, sie hat sich gesorgt und gleichzeitig war sie ganz übernatürlich eingestellt, so dass sie den Anruf des Engels hören und Ja sagen konnte.
- Ich glaube es ist das, was «ganze» Menschen ausmacht. Sie sind nicht abgehoben, vergeistigt, sondern ganz auf dem Boden, ganz menschlich und doch ganz tief in Gott beheimatet. Das ist das Geheimnis von Schönstatt: dass neue ganze Menschen werden. Es ist eine ganz geerdete und doch gehimmelte Spiritualität. Es ist Erziehungsarbeit.
- Wir nennen das Selbsterziehung, Geistpflege, es geht darum in uns das Gute und Schöne zur Entfaltung zu bringen. PJK formuliert es in den Vorträgen Kind sein vor Gott so: Das große Gesetz der anthropologischen Dynamik heißt: Werde, was du bist! Was heißt das? Das Edle und Große, das in dir ist, solltest du in vollkommener Weise werden. Was keimhaft an edlen Anlagen in dir steckt, solltest du entwickeln. Werde, was du bist! Gott selber gibt uns einen Auftrag, jedem und jeder individuell. Diesen Auftrag sollen wir leben, dann werden wir tief innerlich zufrieden.
- Und das machen wir nicht um uns zu optimieren, nein, es geht um etwas anderes:
- wir verwirklichen etwas von Gott in unserer Welt, wir werden wie Maria und Jesus zu einem Sakramentale wie wir Katholiken sagen. Die Sakramente helfen uns dazu
- Wir selber dürfen uns als Sakrament verstehen. Was heisst das? Es heisst, dass Gott in mir und durch mich wirkt, ich bin Transparent Gottes, es ist mehr als einfach Mitarbeiter oder Mitarbeiterin, nein Gott macht sich abhängig er verwirklicht seine Liebe durch meine Liebe. Das meint im letzten auch die Taufe: wir haben Christus angezogen, wir verwirklichen Ihn heute in unsrer Zeit.
- Die Eheleute haben noch das Ehesakrament. Da kommt der Gedanke auch sehr gut zum Ausdruck: die Eheleute realisieren die Liebe, die Treue, die Nähe Gottes ganz konkret in ihrer Liebe, in ihrer Treuer, in ihrer Nähe und sie nehmen Teil an der Schöpfertätigkeit Gottes durch die Elternschaft, damit «ganze» Menschen heranwachsen können!
- Ich glaube, dass dieses ganz Mensch sein – geerdet und gleichzeitig gehimmelt – auch die einzige Möglichkeit von Evangelisation in unserer Zeit ist – Jesus hat es auch so gemacht, das hat doch die Menschen damals bewegt, dass er so menschlich und gleichzeitig so göttlich war.
- Wir verwenden dazu in Schönstatt ein nicht ganz einfacher Begriff: der natürlich-übernatürliche Bindungsorganismus. Wir sind hineingenommen in den universellen Bindungsorganismus, der Himmel und Erde und alles, was ist, miteinander verbindet
- Das meint genau das: das verwoben sein als Mensch vom ganz menschlichen, bis hin zum ganz göttlichen, dass Natur und Gnade zusammenwirken, das macht es aus!
- Es ist ein Geheimnis und es ist gut, dass wir nun ein Jahr Zeit haben, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
- Dazu gibt es das Leseheft, das P. Edwin zusammengestellt hat, darin gibt es viele Anregungen und Texte, die das Thema vertiefen.
- Das Heft ist so aufgebaut, dass es vom Du ausgeht, da geht es um unsere Nächsten, dann wird das Du auf Maria angewandt und es gibt versch. Texte die Maria als ganzen Menschen, als Immaculata reflektieren
- Dann geht es um Reflektionen über den Menschen – was ist der Mensch und dann über das Christsein, d.h. über die Frage, wie wir immer mehr «ganz Mensch» werden. Der Abschluss machen einige Zeugnisse.
- Das Heft endet mit einem Fingernageltext, wie P. Edwin das nennt: ein Text, der nochmals zusammenfasst, um was es beim «ganz Mensch» sein geht. Ich möchte mit diesem Text von P. Kentenich aus dem Jahr 1952 schliessen:
- Meine lieben Zuhörer, auch dort, wo wir aus dem Gedanken des Werkzeugs leben, da müssen Sie unterscheiden: auch da gibt es zwei Stufen: 1. Sehen Sie, lange Jahre unseres Lebens mögen wir uns vielleicht so einstellen: Ja, ich mache es, und die Gottesmutter oder der lebendige Gott hilft mir dabei. Da stehen immer noch wir im Vordergrunde. Solange wir im Vordergrunde stehen, ja, da müssen wir eigentlich sagen, da ist der liebe Gott unser Werkzeug, die Gottesmutter unsere Helferin.
- Und ich glaube, wir müssen schauen, dass wir diese Eierschalen mehr und mehr abstreifen. Wo wir zur zweiten Bekehrung die Hand ausstrecken, ist es selbstverständlich, dass unsere Einstellung eine durch und durch theozentrische wird. Verstehen Sie, was das nun bedeutet? Da heißt es: Der liebe Gott, die Gottesmutter macht es, und ich Stöpsel habe nur ein wenig mitzuhelfen.
- Diese Grundeinstellung zu haben, das möchten wir pflegen, auch in allen Situationen, mag eine Schwierigkeit kommen, wie auch immer. Wenn Sie sich dann sagen können: das ist ja deine Sache, ist nicht meine Sache, sondern es ist deine Sache, dann spüren Sie sofort die innere Ruhe, die dabei ist. Das ist ja deine Sache. Bitte, sage mir bloß, was ich jetzt machen kann, um ein klein wenig zu helfen – vielleicht um den Salat zu verderben. Es ist ja vielfach so: Je theozentrischer wir eingestellt sind, desto souveräner, ruhiger sind wir. Joseph Kentenich USA-Terziat 1952
- Das wünsche ich uns, dass wir immer mehr hineinwachsen in die Realität, dass Gott und die Gottesmutter das wesentliche tun und ich ihnen mithelfe!