Samstagsbrief für den 19. November 2016
Liebe Leserin, lieber Leser,
im Horizont treffen messerscharf zwei Welten zusammen, Himmel und Erde. Dort steht der Nussbaum hoch im Licht; dort sitzt der Mann, hört Wind und Blätter rauschen und lässt seine Phantasie schweifen: ich bin ein Kind gewesen; ja, ein Kind in einem Garten an der Bahnlinie; ein Kind, unten in einem Äpfelkeller, in einer dampfenden Waschküche; ein Kind auf dem Kachelofen und von dort im Sprung auf ein malträtiertes Kanapee; ein Kind, nach der Schule, beim Butterbrot und der heissen Milch.
Ich bin das Kind noch heute.
Phasenmensch
Der Mann bleibt Kind, wird auch Jugendlicher bleiben. Vielleicht fragt er sich, wenn er Betrunkene und Randalierende sieht, ob er das auch gewesen sei. Er fragt, ob die ersten Zeiten der Ehe, mit den Kindern, die schönste sei; oder eher die Höhepunkte seines Berufslebens, seine Arbeit als Chef; oder jetzt, da er sich freut an den Erfolgen seiner Töchter und Söhne.
Wir sind Phasenmenschen; die Phasen konkurrieren um die Identität meines Menschseins, mal ist es diese, mal jene Phase, die vorne steht; und doch bin ich kein geteilter, sondern ein ganzer Mensch. Phasen können unvereinbare Merkmale, Attribute aufweisen, trotzdem sind sie keine Widersprüche, die einander ausschliessen. Vielmehr: es ist ein Vielheit in Einheit.
Augenblicksmensch
Komme ich in eine Kontrolle, der Polizist hält mich an, verlangt die Ausweise, schaut darauf, nicht und schickt mich weiter – dies, sagen wir, geschieht im Augenblick. Ich bin mir dabei bewusst: in diesem Moment bin ich ganz der Mensch, der ich jetzt bin und von dem etwas verlangt wird. Anschliessend kommt der nächste Moment.
Ich bin ein werdender Mensch. Gestern früh machte mir der frischverschneite Pilatus einen unauslöschlichen Eindruck; er wird bleiben, auch im Vergessen. Ich bin nachher nicht derselbe wie vorher.
Ebenso ist jeder wechselnde Kenntnisstand eine Verwandlung. Wenn mir endlich klar wird, wie ich die schrille Hausglocke abstellen kann, ist dies zwar eine Kleinigkeit; wenn ich aber – zum Beispiel – im Gespräch begreife, warum ich über längere Zeit unzufrieden war und nun etwas tun kann dafür, dann ist das Vorher und das Nachher markant. Wir sind lernende Menschen, werdende, geschichtliche.
Gott spricht durch mein Menschsein und mein Werden; das ist es, was wir vor unserer Wanderung betrachten und dann auf den Weg mitnehmen. Dabei wird uns einiges aufgehen, wie jedes Mal.
P. Werner Hegglin
Erster Samstag im Monat
„Manchmal atme ich ganz bewusst, als Teilchen dessen, was mich umgibt: momentan dieses alpine Tal. Ein Kleinkosmos. Eine Landschaft, Luft, Licht, Berge, Erde.“ Martin Stadler
Schriftsteller schöpfen ihren Stoff aus der Welt, in der sie leben. Sie lesen in der Landschaft, in den Gesichtern der Menschen, werden geprägt von ihrem Dorf, ihrer Stadt, von ihrem Tal. Und sie sind hellhörig für die Stimmen und Fragen der Zeit. Wie wir, so suchen auch sie Gott, die Wahrheit. Sie zweifeln und hoffen. Beim gemeinsamen Lesen entdecken wir in ihren eigentümlichen Sätzen bislang verborgene Seiten unseres eigenen Lebens.
Zweiter Samstag im Monat
„Er dachte niemals ein Wort, aber andere waren genug da, die für ihn was sagten, bis er wortlos umfiel.“ Wolf Dieter Brinkmann
Denkfaulheit und Gleichgültigkeit können tödlich sein. Sie verschliessen uns. Wer philosophiert, öffnet sich hin zur Welt und zu sich selbst. Wir kommen nicht darum herum, uns zu fragen, was das, was im Leben uns widerfährt, was auf uns wartet, für uns zu bedeuten hat. Wir müssen Antwort geben, Entscheidungen fällen. Wenn wir sie nicht selber fällen, werden sie für uns gefällt. Stehenbleiben hilft nicht. Wer lebt, muss gehen, weitergehen, wachsen.
Dritter Samstag im Monat
„Niemand hat Gott je gesehen.“
„Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und er hatte Freude daran: alles war sehr gut.“ Bibel
Himmel und Erde sind ein Geschenk. Ein unendlich grosses Geschenk. Noch haben wir es nicht ganz zerstört, nicht vollständig verschmutzt. Also, hinaus: Was gibt es Schöneres, als auf dieser Erde, unter diesem Himmel unterwegs zu sein und all dem zu begegnen was Er erschaffen hat? Niemand hat Gott je gesehen, heisst es in der Bibel. Aber könnte es nicht sein, dass wir, aufmerksam durch Seine Schöpfung gehend, Schritt für Schritt Ihm näher kommen und merken: Beziehungen machen reich?
Vierter Samstag im Monat
„Der Grad unseres Fortschrittes in den Wissenschaften muss der Grad unserer inneren Vertiefung, unseres seelischen Wachstums sein.“ Pater Josef Kentenich
Pater Josef Kentenich war ein begnadeter Redner. Er hatte stets „die Hand am Puls der Zeit und das Ohr am Herzen Gottes“. In seinen Vorträgen, die später in Buchform veröffentlicht wurden, weist er mit erschreckender Genauigkeit auf die Nöte der heutigen Menschen hin: „Die innere Haltlosigkeit bei äusserer Selbständigkeit liegt begründet und ist verwurzelt in der Heimatlosigkeit des modernen Menschen.“ Pater Kentenich lässt uns aber nicht im Regen stehen. Gemeinsam lesen wir in seinen Schriften, schöpfen Hoffnung und Vertrauen.
Informationen zu den Samstagsgesprächen:
- Ort: Berg Sion, Mättihalden, 6048 Horw, Telefon 041 349 50 30, www.bergsion.ch
- Zeit: Die Gespräche finden jeden Samstag statt, jeweils von 14 bis 17 Uhr. Im Anschluss besteht um 17.15 Uhr die Möglichkeit, in der Hauskapelle an der Vorabendmesse teilzunehmen.
- Neu auch am Freitagabend: Weil oft gesagt wurde, ein Abend wäre besser, kommen jeweils der erste und zweite Freitag im Monat von 19 bis 21 Uhr hinzu. Programm wie an den beiden Samstagen.
- Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, auch keine fachlichen Voraussetzungen. Die Teilnahme ist unentgeltlich (Kollekte).
- Die Texte für den ersten Samstag im Monat (Martin Stadler, Schriftsteller, Schattdorf UR) können an den jeweiligen Samstagen auf dem Berg Sion bezogen werden.