Samstagsbrief für den 6. April 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

vom Dorf führte eine ungeteerte Feldstrasse zu unserem Weiler hinaus; dort an vier Häusern entlang. Ein Haus war länglich mit vier Wohnungen; eines war hoch mit drei und das dritte Haus war in eine Scheune eingebaut, das kleinste nannten wir „Häxehüsli“. Im Weiler gab es dreissig Kinder, mit ihnen wuchs ich auf, bis zu meinem achtzehnten Jahr.

Der Schüler
Ich erinnere mich an sonnige Wiesen, an eine Schar wild galoppierender Pferde, die ein reicher Wirt vom Dorf in der Scheune eingestellt hatte. In der Scheunenwohnung gab es drei Mädchen, eines blieb stets zu Hause; es litt an einer fremden Krankheit, „Tuberkulose“. Ganz stark erinnere ich mich an die Hauswiese. Dort stand am Rand ein unscheinbarer Apfelbaum; Berner Rosen, hiess er; seine Äpfel faszinierten uns. Wir warteten auf sie; wir warteten, bis sie sich färbten, rot, blutrot, blaurot und immer röter; bis sie dufteten, wie nur Berner Rosen duften. Um jeden Preis suchten wir einen der Äpfel zu ergattern; ihn in die Hand zu nehmen, ihn glänzend zu reiben und dann hineinzubeissen, das war ein Höhepunkt unseres Lebensjahres.

Der Lehrling
Französisch lernte ich in Fribourg, zwei Jahre; und ein Jahr Italienisch auf dem Weg zwischen Mailand und Sizilien. Dann begann ich mit Philosophie, später mit dem Lehrbuch von Hermann Schmitz. Ich benützte das Buch so heftig, dass Blätter sich lösten und herausfielen. In Zürich, am linken Limmatufer fand ich eine Buchbinderin, die Mutter eines Freundes, die mir versprach, sie könne das Buch für die Zeit meines ganzen Lebens haltbar machen. So war es auch.
Als dann später das griechisch-lateinische Neue Testament auseinanderfiel und dazu noch die Märchen der Gebrüder Grimm, gab die Mutter meines Freundes nochmals ihr Versprechen. Zuletzt wurde die Zürcher Bibel schwach, auch ihr war die Buchbinderin die erste und letzte Hilfe.
So wurden die Grundbücher meiner Lehrzeit gerettet.

Der Arbeiter
Im Thurgau, im Aargau und in Solothurn; in Zug und im Luzernischen bin ich ein „Kirchenarbeiter“ geworden. Ich arbeitete am Sonntag, wenn Christen zusammenkommen, aber immer mehr auch unter der Woche, in Schulen und in Bildungshäusern.
So begann ich meine Arbeit, blieb darin; und bleibe es mein Leben lang.
Ich liebe die Kirche.

P. Werner Hegglin

PS: – Buchvernissage, 30. März, 15 Uhr, Pfarreizentrum Horw.
– Am 6. April lesen wir „Rapunzel“.