Samstagsbrief für den 27. April 2019
Liebe Leserin, lieber Leser,
Erste Reise nach Maria Einsiedeln
Als meine Schwester zur Welt kam, zwei Jahre nach mir, musste mich eine unbändige Freude erfasst haben. Ich wollte sie andauernd anschauen, wollte sie streicheln und versuchte, in ihren Stubenwagen zu klettern; ich wollte ganz nahe bei ihr sein. Bei einem dieser Experimente kippte der Wagen, ich stürzte kopfüber. Man erzählte, ich sei auf den Kopf gefallen. Jedenfalls konnte ich nicht mehr reden.
Der Hausarzt meinte, das komme schon wieder. Da waren die Grossmutter und die Tante mit dem Auto ganz anderer Meinung. Man muss etwas tun! Und als wir bei Grossmutter und Tante in den Ferien waren, wurde hinter dem Rücken des Vaters beschlossen: Wir fahren nach Einsiedeln, zum Naturheilarzt. Die Tante mit dem Auto machte die Fahrt jederzeit möglich.
Der Arzt schaute mich lange an, untersuchte mich und sagte, abschliessend, zu den Frauen: Da kann ich nicht helfen. Aber es gibt oben die Klosterkirche, da können Sie beten. Heute noch erinnere ich mich an den ansteigenden Klosterplatz, an den Brunnen. Und an das, was die Frauen erzählten: Du bist von der Gnadenkapelle weggerannt auf die Kirchentüre zu; draussen bist du in der Sonne gestanden, hast geredet, den Schwall von gestauten Wörtern. Einfach geredet.
Zweite Reise nach Maria Einsiedeln
Es war weder eine Auto – noch eine Bahnreise; es war eine Reise ins Mädchenzimmer. Unter der Zeit war ein zweites Mädchen bei uns zur Welt gekommen. Die Ältere nahm die Kleine sofort in Obhut; so entstand unser Mädchenzimmer im oberen Stock und so entstand meine Reise ins andere Einsiedeln. Zwei steile Treppen musste ich steigen in den oberen Stock, musste viele geflüsterte Gespräche verpassen, bis mir gesagt wurde, es gebe im Mädchenzimmer im Mai jeden Abend etwas. Und das sei genau wie in Einsiedeln. Ich wollte es nicht glauben. Doch sagten die beiden; unsere Mutter habe Maria von Einsiedeln heimgebracht. Sie sei wunderschön. Eine handgrosse Statue, Porzellan, in den Farben weiss, blau und gelb. Da wollte ich hingehen. Die Mutter sang (sie sang also nicht nur beim Bügeln!) Ja. Es war wunderschön. Maria und die Mutter und das Mädchenzimmer im Kerzenlicht.
P. Werner Hegglin