Samstagsbrief für den 4. Mai 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

Märchen beginnen mit Verlustanzeigen: „Vater und Mutter sind gestorben, das Mädchen hat kein Haus mehr, in dem es wohnen und kein Bett mehr, in dem es schlafen kann, und nichts mehr auf der Welt“ usw. Deshalb muss es in eine fremde Welt hinaus, auf eine Suchwanderung, wo von Station zu Station Prüfungen warten, die in der Regel misslingen und deswegen weiterführen. Dabei spielt die Hilfe aus dem Jenseits mit, doch bleibt das Königtum verborgen. Erst zuletzt wird das Wesen des Mädchens als einmalig erkannt, eben wie nur eine Königin einmalig sein kann.

Verluste des Lebens
Alle Märchen beginnen so, doch alle beginnen auch anders. Es ist wie im Leben. Überall schwimmen die Verluste obenauf. Immer sind es Verluste, und immer andere.

Suchwanderung des Lebens
Mit achtzehn habe ich erstmals gezügelt: Fribourg. Zug. Gossau. Nussbaumen bei Baden. Solothurn. Bern. Horw bei Luzern. Zug. Hertenstein. Jede Zügelliste zeigt einen Lebensweg. Fremde Orte werden gesucht, bekannte verlassen.

Prüfungen des Lebens
Jede Station auf dem Weg bringt Prüfungen mit sich. In Nussbaumen wurde ich über Nacht zum Vikar, der Pfarrer war krank und sagte: Mach du!
Im weitläufigen Solothurn hatte der Pfarrer ein Auto, ich hatte keines.
Von Bern fuhr ich 1968 nach Fribourg für Seminare an der Uni. Damals sangen die Studenten: „Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren!“
Im Luzern der sechziger Jahre wollten die Sozialarbeiter über Ethik diskutieren. Ausgerechnet in diesen Jahren!
In Zug hatte ich mit jungen Seminaristen zu tun. Wer damals Lehrer werden wollte, wollte nichts mehr so, wie es bisher war.
„Stella Matutina“ sollte ein Bildungshaus werden in einer Zentralschweiz, die so schon viel zu viele katholische Bildungshäuser hatte. Eine unmögliche Aufgabe! Gewusst wie?

Hilfe aus dem Jenseits
Christoph Sch. hat restlos alle Arbeit für das Buch geleistet; er hat den einmaligen Titel gefunden, das Vorwort geschrieben und die Vernissage an die Hand genommen; mir blieb das Gefühl des unendlichen Dankes. Hilfe aus dem Jenseits meiner Möglichkeiten.

Verborgenes Königtum des Lebens
Zuletzt wird das Mädchen eine Königin. Ein Leben lang blieb alles verborgen. Ein Leben lang hoffte das Mädchen. Märchen leben vom Hoffen; jedes Menschenkind hofft. Es weiss: ich bin einmalig, kein Serienprodukt, ebenso einmalig, wie jede Königin einmalig ist.

P. Werner Hegglin