Samstagsbrief für den 1. Juni 2019
Liebe Leserin, lieber Leser,
seit Januar lesen wir Märchen. Unterdessen wächst meine Freude am Lesen, mehr und mehr.
Warum?
Weil die Gebrüder Grimm schreiben können
Sie sind geleitet von einem wundervollen Sprachgefühl. U.O.A.E.I., sie fühlen Klang und Wirkung eines jeden Vokals; dazu die Konsonanten, die explosiven p.t.k., die weichen m.n.l., und auch die zischenden und rollenden. Sie achten die Silben der Wörter, die heftigen Einsilber, tragenden Zweisilber und auffällige Mehrsilber.
Die Grimm sind überzeugt: Das Verb trägt den Satz, es ist seine Kraft, seine Stütze.
„Der älteste Sohn machte sich auf den Weg, verliess sich auf seine
Klugheit und meinte den goldenen Vogel schon zu finden.“
Die Sätze der Märchen stehen da wie Brücken, drei Verben, drei Pfeiler; starke Brücken; doch ebenso elegant im Rhythmus. Laut zu lesen: Eine Freude! Und es geht vorwärts in den Märchen; der König steht nicht herum, auch das Kind handelt; dazu zeigt jede Szene eine präzise Form und die eine folgt zügig der andern. Das tut gut.
Weil Märchen Kinder retten
Ein Königssohn, der jüngste, ein Bub, muss den goldenen Vogel suchen. Die anderen Söhne haben versagt.
Der Bub vertraut dem Fuchs, der hilft, der Wege zeigt und warnt vor der Todesgefahr. Der Bub folgt jedoch seinem Eigensinn und wird verurteilt. Der Fuchs rettet, zeigt neue Wege, warnt wieder. Der Bub weiss es wieder besser, wird verurteilt und so noch mehrere Male.
Ich lese dieses Märchen, erinnere mich an meinen kindlichen Eigensinn und an das Besser-wissen-wollen als Erwachsener. Am Schluss muss der Bub in einer Nacht einen Berg abtragen. Als Kind stand ich oft vor unmöglichen Aufgaben. Wer erinnert sich nicht? Am Ende hilft der Bub seinen versumpften Brüdern; dafür stehlen sie ihm den Vogel, den er dem Vater heimbringen will. Den Bub stürzen sie in einen Brunnenschacht und kehren als falsche Sieger heim. Wer kennt das nicht, als Kind, als Erwachsenen? Doch Märchen retten Kinder.
Weil Märchen mir als Priester viel sagen
Bleiben wir beim „goldenen Vogel“.
Der Fuchs spielt die Hauptrolle. Er hilft in absoluter Treue. Er hilft aus dem Jenseits meiner Machtlosigkeit.
Ich handle verkehrt – es gibt die Hilfe aus dem Jenseits.
Ich handle gut – es gibt die Hilfe aus dem Jenseits.
Ich vollziehe das Ritual – es gibt die Hilfe aus dem Jenseits.
Kirche und ihre Sakramente – es gibt die Hilfe aus dem Jenseits.
Ich muss über Nacht Berge abtragen – es gibt die Hilfe aus dem Jenseits.
Ich muss Sünden vergeben – es gibt die Hilfe aus dem Jenseits.
Ich lebe als Priester – es gibt die Hilfe aus dem Jenseits.
P. Werner Hegglin