Samstagsbrief für den 11. Mai 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

Es gibt Grundsätze.
1. Eine Person ist ein Bewussthaber mit der Fähigkeit zur Selbstzuschreibung.
2. Selbstzuschreibung besteht darin, etwas für sich (oder sich für etwas) zu halten.
3. Selbstzuschreibung ist möglich, wenn ihr ein identifizierungsfreies Selbstbewusstsein ohne Selbstzuschreibung zu Grunde liegt.
4. Das gibt es in Gestalt des affektiven Betroffenseins.
Da frage ich mich: Wenn Betroffensein Grund, Ursache und Nahrung eines gesunden Selbstbewusstseins ausmacht; warum kümmern Philosophen sich nicht mehr darum?

Bei der Gärtnerhütte
Wieder sitze ich an der warmen Holzwand der Gärtnerhütte. Ich bin fürs Leben gern hier. Das Land ist flach und weit, der Himmel nahe, und niedrig rundum der Horizont.
Der Frühling ist da. Ich strecke die Beine; um die Füsse verstreut sehe ich auf die Massliebchen, Katzenaugen und auf das Grün des kommenden Löwenzahns. Manchmal fährt ein Auto lärmend vorbei; aber hinter der Strasse beginnt stilles Ackerland, es zieht sich hin bis zum Horizont und ganz hinten glänzt der See. Ich staune über seinen Glanz, noch mehr über seinen Uferrand, der aussieht wie eine Stickerei mit feinen, eleganten Erlen. Am meisten verwundert mich das Insel-Schloss. Es ragt über den Erlenrand. Eine weisse Wolke liegt über dem Schloss, sie kommt mir vor wie eine Zauberhand über einem Zauberschloss. Der Schlossherr ist Kunstsammler, moderne chinesische Kunst, mit der er vor zwei Jahren in Bern zwei ganze Museen gefüllt hat. Verbotene Kunst.
Es geht gegen Mittag. Im Lichte liegen meine Ackerfelder, mein See mit den Erlen und das Schloss. Die Luft vibriert über allem. Ich bin fürs Leben gerne hier.

Am Kindergrab
Ehemalige Seen verwandeln sich in Moore und dann in leere Ebenen. Nur hie und da ein einzelner Baum; verstreut ein paar dunkle Feldhütten; die Wege sind pfeilgerade ins Gelände gezogen. Sie sind ohne Verkehr; es ist still. Bei Wind rauschen schwach die Schilfgürtel, heftiger tönen die Vogelrufe und ab und zu rieselt hörbar ein Seitenkanal in den stillen Fluss.
Die Ebene ist eine Kirche. Niemand knallt eine Tür, hakige Absätze werden zurückgenommen, kein Geschrei, höchstens Flüstern. Kirchenandacht in der grossen Ebene.
An einem der pfeilgeraden Wege komme ich zum „Kindergrab“. Jedesmal bleibe ich stehen. Jedesmal ordne ich das Grab, nehme den grossen Engelskopf in die Hand, setze ihn wieder in die Mitte, rechts davon der Helikopter, links das Polizeiauto. Dann sammle ich Rosen und Nelken und stecke sie mit ihren Stahl-Stielen wieder zurück in den Ackerboden. Ich segne das Regenwasser im Becken, bringe noch zwei Zwerglein zurück und einige Herzen: alles, was noch dazu gehört; aber – was hier geschehen ist, weiss ich nicht.

P. Werner Hegglin