Im Rahmen des Bildungsurlaubes konnte P. Raffael Rieger einen Monat in Israel verbringen. Er berichtet von seinen Eindrücken aus Israel.
Hier finden Sie die ausführlichen Berichte und ein Link zu verschiedenen Fotos.
Eindrücke und Erfahrungen aus dem Heiligen Land
Als Teil meines dreimonatigen Bildungsurlaubes durfte ich den Monat Mai 2019 im „Heiligen Land“ verbringen. Vor fünf Jahren hatten wir als Generation der jüngeren Patres in Europa die Idee gemeinsam zwei Wochen nach Israel zu fahren. Gut hatten wir das so lange im Voraus geplant, so dass es wirklich klappte und wir zweieinhalb Wochen gemeinsam unterwegs sein konnten. Anschliessend hatte ich noch eine Zeit für mich alleine.
Was soll ich nun berichten von dieser Zeit? Es ist klar, ganz vieles könnte ich erzählen. Ich möchte auf drei Erfahrungen eingehen, die für mich diese Tage in diesem Land geprägt haben:
- Israel ist ein Land der Vielfalt und dadurch auch der Gegensätze, damals vor 2000 Jahren wie heute. Schon von der Natur her bin ich hier einer sehr grossen Vielfalt begegnet: Der tiefste Punkt der Erde mit dem „Toten Meer“, welches selber wieder einmalig ist. Darum herum bergige Wüste. Dann haben wir aber auch von Nazareth und vom See Genezareth aus die schneebedeckte Spitze des Hermons gesehen. Entsprechend zeigt sich dort, wo es Wasser gibt auch die Vegetation und die Tierwelt in einer Fülle: grüne Vögel, wilde Pfaue, Klippdachse aus der Familie der Elefanten (wie ich mir sagen liess), verschiedenste Pflanzen, die es bei uns in Nordeuropa nicht gibt. Die Region rund um den See Genezareth war und ist von besonderer Bedeutung, da es dort mit Wasser und Fischfang eine gute Lebensgrundlage gibt. Es ist darum nicht verwunderlich, dass Jesus mit seinem Wirken und der Verkündigung der Botschaft dort begonnen hat.
Was die Vielfalt in unserer Zeit betrifft, möchte ich zwei Erfahrungen erzählen: Israel lebt stark von den Pilgern und Touristen aus aller Welt (auch viele Asiaten). So haben wir an der Geburtsgrotte in Bethlehem eine schöne Szene erlebt: In der Grotte befindet sich der berühmte Stern, der gar nicht so gross ist, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Es ist in dieser kleinen Grotte eine besonderes Stimmung: fast, wie man dort vor Jesus im Gebet zu einer Familie wird. Die Begebenheit, die wir dort erlebten, hat das noch verstärkt: Es war eine indische Familie dort. Sie berührten wie alle andern auch mit der Stirn den Stern, um diesen besonderen Ort und das Kind in der Krippe zu verehren. Dann begannen die beiden älteren Kinder zu singen, sehr wahrscheinlich ein Weihnachtslied, auf jeden Fall sehr besinnlich. Als das Lied fertig war, stellte die Mutter das kleine Kind, das sie auf dem Arm trug, vor dem Stern auf den Boden und das Mädchen machte das, was die Erwachsenen und die Geschwister auch taten: Es berührte mit der Stirn auch diesen heiligen Ort: Das Jesus Kind begegnet dem Kind heute und nicht nur ihm, sondern uns allen gilt das: Jesus macht sich klein, damit wir ihm auf Augenhöhe begegnen können.
Die andere Erfahrung, die die Gegensätze in der Bevölkerung heute in diesem Land gut aufzeigt, spielte auch in Betlehem: wir waren eingeladen zu einem Besuch im Caritas Baby Hospital der Kinderhilfe Bethlehem. Diese ist bei uns sehr bekannt, weil wir dafür in unseren Pfarreien an Heiligabend die Kollekte sammeln. Von einem Besuch in der Pfarrei Wil kannte ich die Chefärztin. Sie erzählte damals in den Gottesdiensten vom Kinderspital. Zu meiner Freude war es möglich, sie wieder zu treffen. Es war bewegend zu hören, was sie und ihr Team (250 Personen arbeiten im Spital) hier an diesem schwierigen Ort aus christlicher Überzeugung für die vor allem muslimische Gesellschaft tun. Beeindruckend ist: 40% der Bevölkerung im Westjordanland ist unter 18 Jahren, da kann man sich vorstellen, wie nötig eine Gesundheitsversorgung für Kinder ist. Da es in den Autonomiegebieten keine Krankenkasse gibt und viele Menschen sehr arm sind, können sie meist nur einen kleinen Teil der Kosten selber bezahlen. Der andere Teil wird durch Spenden abgedeckt. Der grosse Gegensatz ist, dass im 10 km entfernten Jerusalem alles anders ist. Dort sind, was das Gesundheitswesen angeht, Verhältnisse wie in der Schweiz. Wir erfuhren von ihr als Palästinenserin, die in Bethlehem aufgewachsen ist, auch viel über die politische Situation. Diese ist wirklich nicht besser geworden in den letzten Jahren, sondern schwieriger. Viele Menschen, so sagt sie, möchten einfach leben können, viele sind müde von den vielen Spannungen. Die Kinder, denen sie an diesem Ort helfen können und denen es nachher besser geht, sind für sie ein Zeichen der Hoffnung, dafür lohnt es sich dran zu bleiben und an die Veränderung zum Guten zu glauben.
- Eine zweite Erfahrung: die Kleinräumigkeit des Landes. Ich hatte mir Israel und die Orte des Wirken Jesu grösser vorgestellt. Da wir zu Fuss unterwegs waren, wurde uns das deutlich bewusst. In vier Tagen konnten wir gemütlich, sogar mit Umwegen von Nazareth zum See Genezareth gehen (mit dem Auto sind es 30 km). Das haben die Menschen damals wohl in einem Tag gemacht. Auch der See Genezareth ist nicht so gross, mit dem Fahrrad konnte ich diesen gut in einem Tag umrunden (60 km – Bodensee 270km). Auch die Orte Tiberias, Magdala, Kafarnaum und Betsaida befinden sich alle ca. im Abstand von je 8 km an der West- und Nordseite des Sees. Heute sieht man von diesen Orten (ausgenommen Tiberias) nur noch Ausgrabungen. Erst im 19. und 20. Jahrhundert wurden sie wieder entdeckt. Man geht davon aus, dass damals so 600 bis 1000 Personen in diesen Orten gewohnt haben, in Tiberias waren es wohl 3000-4000. Wenn also 5000 bei der Brotvermehrung zusammen gekommen waren, war das ein grosser Teil der Bevölkerung. Jesus war in der Gegend sehr bekannt und die Leute wollten ihn hören und geheilt werden, wie wir es in den Evangelien berichtet bekommen. Umso imposanter muss es für Jesus gewesen sein, alljährlich die Stadt Jerusalem zu besuchen. Dort lebten damals schon ca. 30’000 Menschen. Der Tempelberg und der Tempel müssen überwältigend gewesen sein in der Grösse und Pracht für die Menschen vom Land. Man geht davon aus, dass der Tempel zweimal so hoch gewesen sei, wie heute der Felsendom. Es ist erstaunlich mutig, dass Jesus es gewagt hat, an diesem Ort der Machtdemonstration und dem Tun rund herum Kritik zu üben. Es ist nicht verwunderlich, dass Jesus das mit dem Leben bezahlte.
- Für mich war die „Berührung“ der Orte des Lebens, Wirkens, Sterbens und Auferstehens von Jesus ein fruchtbarer Weg, meine Beziehung zu Jesus zu vertiefen und zu erneuern. In der Zeit, in der wir als Gruppe unterwegs waren, haben wir oft über die Frage diskutiert, wie das Verhältnis von „Historischem Jesus“ und „Auferstandenem Jesus“ verstanden werden kann. Es ist schon etwas Besonderes, dass Gott an ganz bestimmten Orten, die wir heute noch „begehen“ können, Mensch wird, dort lebt, stirbt und aufersteht und dass dieser Mensch auch heute für uns eine Bedeutung und vor allem eine Wirksamkeit hat. So war es für mich wichtig, nicht einfach nur auf den Spuren von ihm unterwegs zu sein, sondern mit ihm seine Wege zu gehen und zu betrachten. Meine Wege zu Fuss waren Wege mit ihm durch „sein“ Land und „seine“ Ortschaften, um mich mit ihm zu verbinden und mit der Frage, was er und seine Botschaft für mich heute bedeutet. Dazu habe ich im Laufe dieser Tage die vier Evangelien als Hörbuch gehört (übrigens eine empfehlenswerte Sache, die Texte mal am Stück aufzunehmen). Eine besondere Erfahrung war auch die Nacht in der Grabeskirche. Wir konnten uns dort „einschliessen“ lassen und hatten einige Stunden eine ruhige Atmosphäre, die sonst unter Tags in der Kirche nicht möglich ist. Mit Jesus am Ort seines Todes und der Auferstehung zu sein, ist etwas Besonderes. Was mir einmal mehr klar wurde: wenn Gott in unserer Welt wirken will, kann er das aus dem Kleinsten heraus. Von dieser „kleinen“ Region, mit diesen einfachen Menschen hat sich eine weltweite Religion entfalten können. Das Leben Jesu und die Botschaft des Evangeliums sind so universell, dass sie überall verstanden werden können, das macht sie noch glaubwürdiger, der Heilige Geist wird darin besonders erfahrbar. In der letzten Zeit am Nordufer des See Genezareth ist mir aufgefallen, dass es erstaunlich ist, dass diese Orte nicht mit Siedlungen „überbaut“ sind, sondern, dass z.B. Magdala, Kafarnaum und Tabgha und der Berg der Seligpreisungen einfach in der Natur sind, in Magdala und Kafarnaum gibt es Ausgrabungen, (in Kafarnaum wird dort das Haus des Petrus lokalisiert) oder in Tabgha sind es markante Naturgegebenheiten (Quellen, Felsen), die helfen den Geschehnissen, die dort angesiedelt werden zu gedenken. Eine kleine eigene Recherche habe ich zu „Bethsaida“ gemacht: nach diesem Ort wird immer noch gesucht, bzw. man hat zwei Ausgrabungsorte, die es sein könnten. Diese kann man ohne Eintritt und Besucherströme begehen und sich vorstellen, wie Jesus durch die Ortschaften gegangen ist.
Dankbar blicke ich auf meine Israel-Zeit zurück. Für mich war es ein Geschenk die Lebenswelt Jesu aufzunehmen. Einer sagte einmal, das Heilige Land ist das 5. Evangelium. Ja, es hilft die vier Evangelien noch besser einzuordnen und zu verstehen und ich durfte durch die Orte dem auch heute lebendigen Jesus Christus begegnen.


